Wer sich wissenschaftlich mit Heiner Müller beschäftigt, dem öffnen sich globale Horizonte. Denn mit Müller als Thema kommt man ganz gut herum. Nachdem er seit 1988 bereits in Berlin, Frankfurt, Tokio und Paris (zweimal) gastiert hatte, gab der Internationale Heiner-Müller-Forscher-Circuit jetzt seinen Einstand auf dem Fünften Kontinent. Auf Einladung des Germanisten Gerhard Fischer und der University of New South Wales kamen rund dreißig Literatur- und Theaterwissenschaftler aus vier Erdteilen im Goethe-Institut in Sydney zusammen, um einmal mehr jeden nur denkbaren Aspekt der Heiner-Müller-Philologie auszuleuchten. Viel Neues kam dabei nicht heraus. Unverändert stehen sich in der Müller-Forschergemeinde zwei Glaubensrichtungen gegenüber.

Auf der einen Seite diejenigen, die Müller als postmodernen Satyr der Literaturszene verehren und jede Behauptung, hinter seinen komplexen Metaphernbollwerken und im Labyrinth seiner intertextuellen Ratespiele verberge sich auch nur ein Gran von Bedeutung, als Frevel verdammen. Auf der anderen Seite jene, die Müller im literaturhistorischen Kontext der DDR-Literatur oder gar in der unheilvollen Ideentradition deutscher Zivilisationskritik betrachtet sehen wollen und unverdrossen neue Belege dafür heranschaffen, daß es sich bei Müllers Literatur trotz aller Formauflösung noch immer um ein mit Geschichtsphilosophie getränktes ideologisches Großprojekt handele.

Eine Annäherung, gar eine Einigung ist nicht in Sicht. Und irgendwie sind die Heiner-Müller-Streithähne es auch müde geworden. Jede Metapher, jedes Motiv ist von jedem nur erdenklichen Standpunkt aus untersucht, alle nur vorstellbaren Bezüge sind hergestellt worden: Müller und Brecht, Müller und Artaud, Müller und Derrida, Müller und Oswald Spengler. Die Müller-Forschung hat ihr Übersoll erfüllt. Heiner Müller als politischen Fall will sie ohnehin nicht diskutieren: Die umstrittenen Aspekte seiner Rolle in der DDR und danach waren auch in Sydney tabu.

Daß manches diesmal doch ganz anders war als sonst, lag nicht nur an dem distanzierten Blick einiger australischer Germanisten, die Müller im Gesamtzusammenhang der deutschen Literaturgeschichte zu betrachten wußten. David Roberts aus Melbourne brachte Müllers "Endspiele der ästhetischen Existenz" mit dem poetischen Nihilismus der deutschen Romantik in Verbindung und zeigte, wie das Bestreben, die Utopie vom "neuen Menschen" vor den desillusionierenden Zeitläuften zu retten, in die Verabschiedung von Geschichte mündet. Als utopisches Gegenprinzip kann dann nur noch der Tod gefeiert werden. "Aber", so erklärte Roberts kühl, "seien wir uns darüber klar: Nicht Müller hat die Geschichte hinter sich gelassen, sondern die Geschichte ihn."

Was geschieht, wenn der kulturpessimistische Avantgardismus Müllers auf den zukunftsoptimistischen Pragmatismus der Australier trifft, zeigt auf andere Weise auch ein ungewöhnliches Theaterprojekt: Der Aborigines-Schriftsteller Mudrooroo hat Heiner Müllers Kolonialrevolutionsstück "Der Auftrag" bearbeitet. Für Mudrooroo ist Müllers pathetisches Bild vom todesbereiten "Neger aller Rassen" – vom "ideellen Gesamtneger" – eine aus europäischer Revolutionsenttäuschung geborene Wunschvorstellung. Die wirklichen Unterdrückten sind bei den australischen Ureinwohnern widersprüchliche Individuen. In Mudrooroos "Auftrag"-Adaption, die im kommenden Jahr in Sydney inszeniert werden soll, proben Aborigines das Müller-Stück. Sie wollen es am Tag der Proklamation Australiens zur unabhängigen Republik im Jahre 2001 auf die Bühne bringen. Am Ende stimmen die Schauspieler auf dem Theater mit knapper Mehrheit gegen das Stück ab: Sie finden darin keinen Platz für ihre Hoffnungen. Statt Theater zu spielen, demonstrieren sie lieber direkt für eine eigene Aborigines-Republik. "Wir haben Besseres zu tun" – so lautet die erstaunlich protestantisch anmutende Devise dieser Verächter europäischer metaphysischer Grübeleien.

In Australien scheint es das "Schlachthaus Welt", das Heiner Müller beschwört, noch nicht zu geben. Das Land öffnet sich seinem asiatischen Umfeld. Am Ende des 20. Jahrhunderts scheint Australien den Beweis antreten zu wollen, daß der Untergang der westlichen Welt allenfalls ein europäisches und amerikanisches Problem ist. Eine große Illusion? Jedenfalls ein Beispiel dafür, daß an jedem Ende der Welt immer wieder eine neue anfängt. Richard Herzinger