Von Gabriele Venzky

Wer sich mit Chandrika Kumaratunge verabredet, tut gut daran, einen Stapel Bücher einzupacken. Auf leisen Sohlen hat ein uralter Diener mit entschuldigender Miene schon die fünfte Tasse Tee gebracht; andere, ebenso uralte Diener huschen durch die dunklen Räume in dem großen, altmodischen Bungalow am Rosmead Place, einer der besten Adressen in Colombo. Hier stehen in schattigen Gärten prächtige Kolonialvillen, auf diesem Grundstück sind es gleich drei. Links wohnt hinter hohen Mauern Bruder Anura, daneben wohnt hinter nicht minder hohen Mauern Schwester Sunethra. Man spricht aber nicht miteinander, schon gar nicht mit Chandrika, der eben gekürten Premierministerin von Sri Lanka. Und mit der Mutter, bei der sie wohnt, nur, wenn es sich nicht umgehen läßt.

Nach drei Stunden stürmt Chandrika ins Zimmer. „Wie peinlich, völlig vergessen, Shopping“, murmelt sie. Ihre Unpünktlichkeit ist schon Legende. Eine weitere Kanne Tee, ein entwaffnendes Lächeln in dem breiten Gesicht, schon beginnt das Gespräch: intensiv, herzlich, intelligent. Es ist schwer, sich Chandrikas Charme zu entziehen. Was in dieser großen, tatkräftigen Frau steckt, offenbart sich erst, wenn sie vor einem Publikum von 100 000 Menschen steht, die ihr gebannt zuhören. Mit solchem Charisma konnte selbst die Mutter in ihren besten Zeiten nicht aufwarten. Und das will viel heißen. Denn ihre Mutter ist Sirima Bandaranaike, die erste weibliche Premierministerin der Welt, eine Frau, die für ihre öffentlichen Auftritte noch immer berühmt ist.

Chandrika – längst nennt man die Nachwuchspolitikerin in Sri Lanka nur noch beim Vornamen – versteht es, gleichermaßen riesige Menschenmassen und elitäre Zirkel zu fesseln. Das hat ihrer Blitzkarriere den Weg geebnet: Im vergangenen Jahr leitete sie als erste Frau eine Provinzregierung, und zwar in der Westprovinz, in der auch die Hauptstadt Colombo liegt. Im Frühjahr schlug sie die als unbesiegbar geltende regierende Vereinigte Nationalpartei (UNP) in deren Hochburg, der Südprovinz. In der vergangenen Woche entthronte sie bei den Parlamentswahlen an der Spitze einer linksgerichteten Neunparteienallianz ebendiese Partei, die sich nach siebzehn Jahren an der Macht schon auf ewig eingerichtet hatte.

Schon im Spätherbst könnte die neue Premierministerin Sri Lankas gar Präsidentin werden. Denn jene Partei, die die Parlamentswahl gewinnt, hat die Präsidentenwahl schon fast in der Tasche, glaubt man auf der kleinen Tropeninsel. Nur deshalb hatte der jetzige Präsident D.B. Wijetunge die Parlamentswahlen um ein halbes Jahr vorgezogen. Er war nach der Ermordung seines allmächtigen Vorgängers Premadasa von der UNP auf den Schild gehoben worden, weil seine Parteikameraden ihn für leicht manipulierbar hielten.

Doch so, wie sich diese verkalkuliert haben, so hat Präsident Wijetunge Chandrika unterschätzt. Sie ist eine Frau, die nicht leicht aufzuhalten ist, wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen hat. Gespräche ohne Vorbedingungen hat sie den aufständischen Tamilentigern, den Rebellenguerillas, die für eine Unabhängigkeit der tamilischen Bevölkerungsminderheit kämpfen, angeboten. Sie haben sofort zugestimmt. Wenn jemand der kriegsmüden Nation den Frieden bringen kann, dann sie. Das nimmt ihr sogar die angeblich chauvinistische singhalesische Mehrheit ab. Das hat ihr wohl am Endes auch den Sieg eingebracht.

Denn der Bürgerkrieg kostet jede Woche mehr als hundert Menschen das Leben und den armen Staat monatlich mehr als eine Million Dollar. Zudem offenbart sich jetzt immer deutlicher, daß der gefürchtete Präsident Premadasa im Begriff war, eine Singhala-Diktatur zu errichten, als er im Mai 1993 (vermutlich von den Tamilentigern) ermordet wurde. Unter den 30 000 Menschen, die im Süden der Insel in den vergangenen Jahren von Todesschwadronen umgebracht wurden, waren keineswegs, wie es offiziell heißt, nur Angehörige der aufständischen singhalesischen Faschisten, der JVP, sondern auch viele politische Gegner, Intellektuelle, Journalisten und Menschenrechtler.