Von Nikolaus Piper

Nichts schwankt in der deutschen Wirtschaft so stark wie die Stimmung. Nach der deutschen Einigung wähnte man sich an der Schwelle zur neuen ökonomischen Supermacht, in der folgenden Rezession malten viele schon das Ende des Industriestandorts Deutschland an die Wand. Und nun, da sich die Erholung abzeichnet, bricht schon wieder Euphorie aus – von Wahlkämpfern der Regierungsparteien weidlich gefördert.

Die Stimmung ist gut, zu gut, glauben manche in der Wirtschaft. Zwar wollen die Industrieverbände mit Rücksicht auf die Bundesregierung den Konjunkturoptimismus nicht dämpfen, fürchten aber zugleich, daß der Kostensenkungsdruck zu früh von den Betrieben genommen wird, daß neue Verteilungskämpfe mit den Gewerkschaften drohen. „Wir laufen Gefahr, das Fell des Bären zu verteilen, noch ehe wir ihn erlegt haben“, sagt Tyll Necker, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

In der Bundesrepublik zeigen sich in diesem Sommer alle Merkmale der Spätphase einer Rezession: Die Auftragsbücher füllen sich, die Lohnstückkosten sinken, die Arbeitsproduktivität steigt kräftig – und die Arbeitslosigkeit auch. Trotz eines Wachstums von voraussichtlich 1,5 Prozent im Jahresdurchschnitt werden Ende 1994 noch einmal 400 000 Arbeitsplätze verschwunden sein.

Insgesamt sind heute allein in Westdeutschland etwa eine Million Menschen weniger beschäftigt als 1992, als die Talfahrt begann. Der Rückgang war damit stärker als bei der vorhergehenden Rezession Anfang der achtziger Jahre. Viele deutsche Unternehmen haben zur internationalen Konkurrenz wieder aufgeschlossen, aber die Kosten wurden hauptsächlich zu Lasten des Personals gesenkt. In den Industrieunternehmen fand ein Kahlschlag statt, manchmal offenbar zu radikal. Wolfgang Scheremet, Arbeitsmarktforscher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), entdeckte Hinweise dafür, daß einige Firmen früher als in vorhergehenden Konjunkturtälern mit Neueinstellungen beginnen. Da die übrigen Konjunkturzahlen dies eigentlich nicht rechtfertigen, kann sich der Ökonom so ein Verhalten nur dadurch erklären, daß einzelne Firmen versuchen, „überproportionale Entlassungen“ des vorigen Jahres auszugleichen.

Nachhaltige Folgen für den Arbeitsmarkt dürfte das kaum haben. Nimmt man die Äußerungen von Firmen, Verbänden und Unternehmensberatern ernst, dann geht die Industriebeschäftigung in Deutschland auf absehbare Zeit weiter zurück.

In der ZEIT-Tabelle der 100 größten Industrieunternehmen der Bundesrepublik wird das Ausmaß des bisherigen Kahlschlags bei den Arbeitsplätzen deutlich: Mehr als zwei Drittel der erfaßten Unternehmen bauten Personal ab, teilweise mit zweistelligen Prozentzahlen (siehe auch Graphik). Selbst wenn die Zahlen in einigen Fällen durch den statistischen Effekt von Unternehmensverkäufen überzeichnet wurden, bleibt der Beschäftigungsrückgang dramatisch. Offenkundig haben die Großunternehmen im Verhältnis noch mehr Arbeitsplätze abgebaut als der Durchschnitt der Wirtschaft. Nach Erkenntnissen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) besteht sogar ein direkter Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Arbeitsplatzbilanz. Das der Bundesanstalt für Arbeit angeschlossene IAB sagte nach seiner Betriebsbefragung im vergangenen Sommer voraus, daß Betriebe mit mehr als 5000 Beschäftigten in diesem Jahr relativ am meisten Personal abbauen werden – durchschnittlich fast fünfzehn Prozent gegenüber 1992. Je kleiner die Betriebe sind, desto besser ist die Arbeitsplatzperspektive. Kleinbetriebe mit bis zu zwanzig Beschäftigten, vor allem aus dem Dienstleistungssektor, wollten ihren Personalbestand sogar noch erhöhen, ohne freilich die negative Arbeitsmarktbilanz der Gesamtwirtschaft ausgleichen zu können. Die Betriebsbefragung dieses Jahres dürfte den vorausgesagten Trend bestätigen.