Von Ludwig Siegele

Die Flasche verrät nicht auf den ersten Blick, daß sie den teuersten Wein der Welt beherbergt: Hinter dem simplen Etikett mit der goldenen Krone scheint der Sauternes gelb und warm wie frühes Morgenlicht. Doch beim ersten Schluck wird klar, warum vor Jahren ein Weinkritiker schrieb: Château d’Yquem sei „das verlorene Gold des Rembrandt“. So müssen Sonnenstrahlen schmecken.

Auch der Graf Alexandre de Lur-Saluces und sein Schloß aus dem 15. Jahrhundert sind Musterbeispiele der modestie: Adlige Arroganz ist dem 59jährigen Aristokraten fremd. Und seinem Herrschaftssitz in den Hügeln über dem Tal der Garonne knapp vierzig Kilometer südwestlich von Bordeaux fehlen jegliche barocken Kinkerlitzchen und anderer Schnickschnack.

Die ganze Welt fühlt sich seit zwei Jahrhunderten magisch süßen Weißwein hingezogen: Thomas Jefferson ließ George Washington, seinem Vorgänger im Präsidentenamt, einige Flaschen zukommen. Zarenbruder Großherzog Konstantin brachte den Wein 1859 nach Rußland. Stalin wollte gar Yquem-Rebstöcke im Kreml pflanzen.

Auch in unseren Tagen hat der Tropfen nichts von seiner Anziehungskraft auf die Schönen, Reichen und Mächtigen verloren: Ronald Reagan servierte ihn regelmäßig seinem Kollegen François Mitterrand. Dem amerikanischen Baseballstar Lenny Dykstra schmeckte er derart, daß er sich kürzlich in einem Pariser Luxusrestaurant gleich eine weitere Flasche für fast 5000 Mark kommen ließ – zum Mitnehmen. Und Helmut Kohl verpaßte bei den Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag der Landung in der Normandie vor allem eines: ein Staatsbankett mit Château d’Yquem aus dem Jahre 1944.

Das Geheimnis der Anziehungskraft ist simpel: Auf der Erde gebe es nichts Vergleichbares, versichern die Weinkenner. Der Tropfen sei und bleibe eben ein Mysterium, versichert Graf Lur-Saluces, der sechste seines Namens: eine Mischung aus Boden, der berühmten Edelfäule, traditionellen Techniken, Leidenschaft – und dem unbekannten Etwas.

Seinen Ruhm, so geht die Legende, hat das Weingut einem seltsamen Zufall zu verdanken. „Bevor ich zurück bin, wird nicht geerntet“, soll einer von Lur-Saluces’ Vorfahren seinen Untergebenen befohlen haben, als er sich zur Jagd nach Rußland aufmachte. Aber die Rückkehr verzögerte sich. Und als der Reisende endlich wiederkam, da waren die Trauben bereits von einem Pilz befallen, dem Botrytis cinerea.