An dieser Stelle wird in aller Regel nicht geworben. Es soll aber ausnahmsweise erinnert werden an eine große Ausstellung. Der Titel: „Europa, Europa“ („Das Jahrhundert der Avantgarde in Mittel- und Osteuropa“). Ort: die Bonner Bundeskunsthalle. Am 16. Oktober endet die Ausstellung.

Bisher hat die ungewöhnliche Kunstschau nur wenig Publikum angelockt. Die Neugierigen werden in der komplizierten Schau nicht eben pädagogisch an die Hand genommen. Zwar haben sich alle namhaften Feuilletons mit dem Projekt befaßt, aber mit reiner Routine, oft lieblos, ja nörgelnd. Den Fachkritikern – als Laie darf man das so grob zusammenfassen – erschien das Unternehmen als zu widersprüchlich, zu umfassend, zu anspruchsvoll. Schließlich vermißten sie die ganz besonderen Entdeckungen. Man ist ja verwöhnt und will verwöhnt werden.

Wie bringt das nun der Nichtexperte in Einklang mit seinem eigenen Eindruck, daß gerade der Versuch, das Jahrhundert in seinem ganzen Kontext vorzustellen, für den Betrachter eine aufregende und anregende Entdeckung ist? Man wird das Gefühl nicht los, hinter dem pflichtgemäßen Hinsehen und gelangweilten Wegsehen verberge sich auch ein stummes Ressentiment: und zwar gegenüber Osteuropa. Die Reaktion auf die Ausstellung setzt insofern vielleicht nur fort, was auch für die Politik und ihr Verhältnis zum Osten gilt. Irgendwie ist der Zaun noch da.

Als wolle man sich auf den Gedanken nicht einlassen, daß es jenseits der „Westkunst“ auch etwas anderes gibt – nicht „Ostkunst“, sondern ein Gesamteuropa der künstlerischen Osmose. Oder, daß es, wie Krzysztof Pomian im Katalog schreibt, eine Einheit der Kunst geben könnte, die „vielleicht ein Vorläufer und eine Ankündigung der noch weit entfernten wirtschaftlichen Einheit und – was heute noch ungewisser erscheint als gestern – der politischen Einheit Europas ist“? Ist das wirklich zu naiv?

„Europa, Europa“ wurde rechtzeitig zur Europawahl eröffnet. Die Bonner Politiker beschwören doch so gern Europa. Aber sie interessieren sich allenfalls für ihr „Haus der Geschichte“.

Vielleicht erfährt man auf diese Weise nicht nur von einem Problem der Kunstkritik, sondern von einem der Kritiker ganz allgemein. Künftig werden wir auf die gelehrte Fachkritik nicht mehr so genau hören. Sie vertreibt die Neugier. Und am Ende verlernt man das Hinsehen. Gunter Hofmann