Von Antonella Romeo

Basta! Dieses Jahr kein Mittelmeerurlaub in meiner Heimat Italien. Die deutschen Freunde sind gerade aus Costa Rica und Simbabwe zurück und erzählen traumhafte Geschicken. Ich möchte auch etwas Exotisches erleben. Ich fahre an die Nordsee.

Der Zug, der von Husum über die Halbinsel Eiderstedt bis nach St. Peter-Ording fährt, hält einige Male an winzigen Bahnhöfen. Draußen unter dem grenzenlosen Himmel stehen entzückende Hiuser mit Reetdächern. Die größten sind echte Strohpyramiden, Andere Erhebungen in der weiten, flachen Landschaft bilden die Kühe, die Pferde und die Schafe, die aber auch meist auf dem Boden liegen, vielleicht weil ihnen dieser Sommer zu warm ist.

Die prominentesten Erhebungen in Eiderstedt heißen Deiche. Der Deich ist ein Rettungsring, der einer Insel oder einem Land hilft, sich über Wasser zu halten. Der runde Rücken des Deiches eröffnet einen neuen Horizont. Nur wer auf den Deich steigt, hat freien Blick aufs Meer.

In dem Buch „Deichbau und Sturmfluten in den Frieslanden“ – meiner Reiselektüre – wird der Archäologe Hans Joachim Kühn zitiert: „In ganz Nord-Eunpa gibt es kein von Menschenhand aus Erde und Holz errichtetes Bauwerk, das sich nach Größe und Arbeitsleistung mit den Deichen der Küstenländer messen könnte.“

„Deich“ findet in der italienischen Sprache keine richtige Übersetzung. Man benutzt das Wort diga, das eigentlich „Damit“ bedeutet. In der Grundschule habe ich mir vorgestellt, daß eine riesige Mauer, sicher nicht „aus Erde und Holz“, die niederen Länder des Nordens von ihren Meeren trennte. Eine Mauer, so groß wie die einer Talsperre. Unglückliche Völker mußten unter solch bedrohlichen Zuständen leben.

Nun sehe ich, daß nicht einmal jene Kurgäste, die mit schmerzenden Gliedern komnen, um sie in schwefeligen Schlick zu packen, einen leidenden Ausdruck haben. Daß es sich an diesem Ort gut aushalten läßt und keine allzu großen Gefahren drohen, beweisen auch die vielen Kinder, die überall herumlaufen und den Ankommenden einen fröhlichen Empfang bereiten.