Von Petra Kipphoff

Ein junger Mann schlendert durch Brügge, vorbei an Häusern, Grachten, Kirchen, Plätzen, Palästen. Er heißt Georges Rodenbach, aber in Rodenbachs Roman „Bruges-la-morte“ trägt der junge Mann, der durch Brügge schlendert, den Namen Hugues. Die Schatten der Vergangenheit der ehemals reichen, stolzen Handelsmetropole stellen sich ihm schweigend in den Weg, sind die köstlich verfallenen Kulissen seiner erlesenen Einsamkeit. Schließlich betritt er den Hof des Sint-Janshospitaals, geht hinein in das Kapitelhaus und steht vor den Bildern von Hans Memling. Er sieht das populärste Werk der Sammlung, den Schrein der hl. Ursula, und entdeckt angesichts dieses religiösen Bilderbogens den „großen Katechismus der Stille“.

Der Roman über Brügge, die Stadt der Toten, erschien 1892, er wurde das Hausbuch des Symbolismus, machte seinen Autor berühmt, wurde aber verständlicherweise in Brügge selber eher reserviert aufgenommen. Wer möchte schon bei Lebzeiten Einwohner einer Totenstadt sein. Und es auch noch, zu Recht, gesagt bekommen. Denn Brügge, die reiche Handels- und Hansestadt des Mittelalters, wurde im 15. Jahrhundert durch die Verlandung des Zugangs zur Nordsee ihrer Existenzgrundlage beraubt. Im Todesjahr von Hans Memling, 1494, standen in Brügge fast tausend Wohnungen und Häuser leer.

Die Ausstellungsbesucher, die in diesen Tagen im Groeningemuseum in Brügge um den Ursula-Schrein herumgehen, scheinen gegen den Infekt der Morbidität à la Rodenbach resistenter zu sein als gegen die Auswirkungen des Verzehrs von nationalen Nahrungsmitteln wie Pommes und Pralinen. Und was sie, der Kunst und den Reliquien so froh zu Leibe rückend, als sei’s die Kaffeekanne, auf den kleinen Bildtafeln des zierlich-prächtigen Schreins aus vergoldetem Schnitzwerk sehen, ist auch, der legendären Thematik entgegen, eine Geschichte voll schönsten Lebens. Edle junge Frauen, die heiter an Bord eines Schiffes steigen und frommen Blicks die Fahrt beginnen, andernorts aus- und wieder einsteigen, von Köln nach Rom und Basel geht die Rheinreise und wieder zurück. Daß zum unguten Ende die schöne, standhaft fromme bretonische Prinzessin Ursula mitsamt den standhaft frommen 1100 Jungfrauen von ungläubigen Hunnen getötet wird, das geht im eher beschwingten Gedränge fast unter. Und läßt den Betrachter weder erschauern noch verstummen. Kaum zu glauben, daß es ausgerechnet der redselige Memling war, der vor Rodenbach den Katechismus der Stille aufgeschlagen haben soll.

Aber die Geschichte des Ruhms von Hans Memling, dem „duytschen Hans“, Brügges bedeutendstem Maler und einem, wie es im Groeninger Katalog heißt, „der niederländischsten der niederländischen Künstler“, ist seltsame Wege gegangen. Und wenn die Ausstellung, die mit 39 Originalen (darunter zwei große Altäre und mehrere Diptychen und Triptychen) die größte Memling-Schau ist, die je zusammengetragen wurde, ein Ergebnis haben könnte jenseits des Besucherrekords und der Freude am schönen Schauen, dann wäre es vielleicht ein Nachdenken über Zeitgeist und Geschmack.

Hans Memling wurde um 1440 in Seligenstadt bei Mainz geboren und ist, auf dem Umweg über Köln, wo er die Arbeiten Stefan Lochners kennenlernte, nach Brüssel gekommen. In Brüssel arbeitete er in der Werkstatt von Rogier van der Weyden, dessen in strenger Eleganz gefaßte Frömmigkeit weit entfernt ist von Memlings parlierender Freundlichkeit. Rogier, ein, wie Max J. Friedländer schrieb, „Ahnherr wie kein anderer Niederländer des 15. Jahrhunderts“, wurde Memlings Lehrer, ein Sachverhalt, den man weniger an stilistischen Kriterien als an ganz deutlichen Übernahmen ablesen kann. So ist zum Beispiel die Figur des Christus als Weltrichter auf der Mitteltafel von Memlings Danziger Altar eine relativ genaue Kopie des gleichen Motivs von Rogiers Altar in Beaune; eine Feststellung, die nicht geistiges Eigentum auseinanderdividiert, sondern ein Hinweis ist auf Memlings Adaptionsgeschick. Die Steigerung der Dramatik oder kühnes Komponieren waren nicht seine Stärke, also half er sich durch Anleihen. Ein damals legitimes Verfahren.

Als Memling kurz nach dem Tod Rogier van der Weydens nach Brügge kam, 1464, fügte er sich mühelos ein in das von Kommerz und Kirche bestimmte Leben, fand bald seine Kunden und Bewunderer. Und war mit seiner Freude an der Sinnlichkeit von Bilderzählungen in der Stadt, die ein Zentrum mittelalterlicher Buch- und Miniaturmalerei war, in der für seine Talente idealen Umgebung. Der „weichmütige mystische Meister“ (so wird er im Katalog der Ausstellung in Brüssel 1939 charakterisiert) war der rechte Mann zur rechten Zeit. Die reichen Kaufleute, die in Brügge lebten oder sich dort für ihre deutschen, italienischen oder englischen Handelshäuser zeitweilig niedergelassen hatten, bestellten bei Memling Bilder und Altäre. Ob Crabbe, Reins, Tani, Potinari, Donne, Floreins, Moreel oder Greverade: kaum ein Memlingsches Triptychon, Madonnenbild oder Altarwerk gibt es, das nicht mit dem Namen seines Auftraggebers überliefert ist, kaum einen Altar-Flügel, auf dem nicht die Eigentümer/Stifter oder ihre Agenten mit von der betenden Partie sind. Und in irgendeinem Winkel oder irgendeiner Rückseite haben sie auch noch ihre Wimpel und Wappen hinterlassen. Memling, der Einwanderer aus Hessen, machte sich ihre Wünsche und Forderungen gern zu eigen.