Von Michael Miersch

Paris plagen gewaltige Umweltprobleme: verstopfte Straßen, giftige Abgase aus Gewerbebetrieben, eine marode Kanalisation. Hochhäuser behindern die Luftzirkulation in der Stadt. Chemisch verseuchte Lebensmittel gefährden die menschliche Gesundheit. Jüngste Skandale: Kupfer in der Milch und Blei im Wein. Täglich fordert der Straßenverkehr einen gewaltigen Blutzoll. Hauptursache: rücksichtslose Raser.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Typisch für die moderne Industriegesellschaft? Täuschen Sie sich nicht! Diese Umweltbilanz ist 219 Jahre alt. Louis Sebastien Mercier notierte damals die Alltagssorgen der französischen Hauptstadtbewohner. Seine literarischen Skizzen beschreiben Großstadtprobleme, die den heutigen verblüffend ähnlich sind: Lärm, Gestank, Hektik, Müll, Verkehrschaos.

Ein saurer Dauerregen aus schlechten Umweltnachrichten prasselt heute auf unsereins nieder. Doch der Medienschein trügt: Die Erde ist nicht erst seit gestern bedroht. Wir stehen nicht vor neuen, sondern vor uralten Problemen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß Menschen lange vor der Industriegesellschaft die Natur ausplünderten. Kurzfristige Vorteile verleiteten schon unsere Vorfahren zu zerstörerischem Handeln. Auch ohne moderne Technik schafften es unsere Vorfahren, Boden, Wasser und Luft zu ruinieren.

Paris war nicht die erste und einzige Metropole mit typischen Großstadtplagen. Schon die Bewohner des antiken Rom ärgerten sich über dauernde Verkehrsstaus so sehr, daß Cäsar die Innenstadt kurzerhand für alle Wagen sperrte. Als Autoabgase noch unbekannt waren, wehte keinesfalls immer frische Luft. 1888 beklagte die Frankfurter Zeitung haushohe Staubwolken, die der Wind durch die Gassen blies, mahnte den Magistrat, die Straßen häufiger mit Gießfahrzeugen zu befeuchten. Auch die damals üblichen Verkehrsmittel, Pferde, produzierten lästige Emissionen. Ein besorgter New Yorker rechnete aus, daß der Pferdemist im 20. Jahrhundert die Fenstersimse der ersten Stockwerke erreichen werde, wenn der Kutschenverkehr weiter so rasant zunähme.

Da es kaum geregelte Müllabfuhren gab, war Schmutz und Abfall eines der dringendsten Probleme, und das nicht nur in Großstädten. Im 15. Jahrhundert beschwerte sich Kaiser Friedrich III., daß bei einem Besuch im schwäbischen Tuttlingen sein Pferd im Straßenkot steckenblieb. Seit der Antike waren alle Aufforderungen der Obrigkeit, die Nachttöpfe nicht aus den Fenstern zu entleeren, vergeblich gewesen. Und das trotz drakonischer Strafen. Ferdinand I. von Aragonien ordnete an, „daß jene, welche bei Tag oder Nacht Unrat, Mist, Schutt und so weiter an anderen als den bezeichneten Orten ablagern, ergriffen und in die Galeere geschickt oder durch die ganze Stadt gepeitscht werden sollen“. Trotzdem landeten Müll und Unrat fast überall in den Gassen oder wurden in die Flüsse geleitet, die gleichzeitig die Trinkwasserleitungen speisten.

Die ersten, die ihren Abfall außerhalb der Ortschaften deponierten, waren nordische Stämme vor sechs- bis siebentausend Jahren. Archäologen fanden eine Halde, so groß wie drei Fußballfelder, stellten fest, daß die Nordmänner bereits das heute umstrittenste Entsorgungssystem praktizierten: die Müllverbrennung. Stank ihnen der Schmutzberg zu sehr, zündeten sie den Haufen einfach an. Die früheste dokumentierte Müllabfuhr gab es im belgischen Ypern um 1300. Im norddeutschen Stade existierte bereits 1209 eine Lärmschutzverordnung. Die Flüsse mußten jedoch noch lange allen Dreck der Städte schlucken. Erst im Jahre 1887 entstand die erste Großkläranlage in Frankfurt. Der Arzt Johann Georg Varrentrapp hatte sich energisch dafür eingesetzt.