Von Ulrich Greiner

Joseph Roth, der vor hundert Jahren in Brody (Galizien) geboren wurde und 1939 in der Pariser Emigration starb, muß nicht mehr entdeckt werden. Heute zählen Romane wie "Hiob" (1930) oder "Radetzkymarsch" (1932), Erzählungen wie "Das falsche Gewicht" (1937) oder "Die Legende vom heiligen Trinker" (1939) unbestritten zu den Höhepunkten der deutschen (österreichischen) Literatur, sie sind in zahlreichen Ausgaben erhältlich, sie wurden verfilmt, sie gehören zum Kanon dessen, was in Schulen und Universitäten gelehrt und gelesen wird.

Es hat lange gedauert. Erst dreißig Jahre nach seinem Tod begann die Publikation des Werks. 1967 erschien, mit einer Verspätung von 44 Jahren, Roths erster Roman "Das Spinnennetz". 1970 erschienen die Briefe, über die Karl Heinz Bohrer sagte: "Die Epoche explodiert, weint, stirbt in ihnen, bevor die Menschen starben", und im selben Jahr wurde der glänzende Journalist und Feuilletonist Roth sichtbar, in der Sammlung "Der Neue Tag". Nun erst begann die Roth-Rezeption. Sie wurde beflügelt durch David Bronsens umfangreiche Biographie (1974) und durch die Ausstellung der Deutschen Bibliothek in Frankfurt (1979).

Während Autoren wie Brecht, Benn, Kästner und Tucholsky gleich nach dem Krieg gelesen und diskutiert wurden, war Joseph Roth nahezu unbekannt. Er gehörte zu jenen in der Emigration verschollenen Schriftstellern, deren geistige Heimkehr in das doppelte und doppelt provinzielle Deutschland erst spät gelang. Lag es an Roths kosmopolitischer, antinationaler und antideutscher Haltung? An der ungemütlichen Brillanz seiner Sprache? An dieser seltenen Mischung aus trostferner Melancholie und bösartig genauer Analyse? Irgendwie paßte er nicht, weder in BRD und DDR noch ins weltvergessene Rumpf-Österreich, er, der politisch Unzuverlässige, der in jungen Jahren Sozialist und später Monarchist war, der Sänger des habsburgischen Mythos, der Jude mit seiner Liebe zum Katholizismus.

Es scheint nun, als hätte Roths Verlag Kiepenheuer & Witsch, nachdem er Jahrzehnte zauderte, den Stimmungsumschwung zugunsten Roths und den 100. Geburtstag eilfertig und leichtfertig benutzt, um der gestiegenen Nachfrage entgegenzukommen. Die aufwendige Bildmonographie, die zahlreiche bisher unbekannte Photos und Dokumente enthält, ist zweifellos ein Gewinn. Von der Sammlung neu aufgefundener journalistischer Arbeiten "Unter dem Bülowbogen" gilt das weniger. Es bleibt rätselhaft, weshalb darin erst jetzt Texte auftauchen, die Bronsen bereits 1974 zitierte. Beiträge, die Ingeborg Sültemeyer (1976) und Klaus Westermann (1987) bereits eruiert hatten, werden hier als Entdeckungen feilgeboten. Es ist nicht einzusehen, weshalb die bibliographisch längst bekannten Texte nicht schon in die Gesamtausgabe von 1989 aufgenommen worden sind.

Die Verlagsankündigung einer "kleinen Sensation", die ein im Nachlaß von Marlene Dietrich aufgefundenes Manuskript der Erzählung "Stationschef Fallmerayer" darstelle, erweist sich als kleine Übertreibung: Der Text ist mit der bekannten Fassung nahezu identisch, abgesehen von einem bedeutend schwächeren Schluß, eine halbe Druckseite lang, den Roth in weiser Einsicht gestrichen hatte. Die ganze Erzählung noch einmal abzudrucken war auch deshalb unnötig, weil die Variante in der Bildmonographie ausdrücklich dokumentiert wird. Eine "kleine Sensation" wird nicht dadurch größer, daß man sie zweifach druckt.

So füllt man Seiten, die man besser anders gefüllt hätte, nämlich mit einem detaillierten Kommentar, der die Feuilletons und Reportagen, vornehmlich aus den zwanziger Jahren, dem historisch uninformierten Leser erschlossen hätte. Statt dessen findet man als Anmerkung zu einer Theaterkritik über Grillparzers "Weh dem, der lügt": "Grillparzer, Franz (1791 bis 1872), österr. Dramatiker". Das ist alles, und es ist knapp und klar. Weniger klar ist das unbeholfen formulierte Nachwort des Herausgebers, der zwar zugibt, nicht in allen Fällen sei die Autorenschaft Roths zweifelsfrei, es aber unterläßt, etwas über die Gründe seiner Zuschreibungen mitzuteilen. Der Band enthält nämlich ein paar eher schwache Stücke, darunter den Bericht "Hafenstadt Berlin", der sich liest, als hätte der Autor das Pressematerial der zuständigen Behörde abgeschrieben. Der Enthusiast möchte hoffen, daß dieser Text nicht von Roth stammt.