Von Arne Daniels

Hermann Rappe gab sich "hoch erfreut", doch überrascht dürfte der Chef der IG Chemie-Papier-Keramik nicht gewesen sein, als Anfang dieser Woche der Hauptvorstand der Gewerkschaft seinen Nachfolger nominierte. Hubertus Schmoldt heißt der Neue, und er gilt seit langem als Rappes Kronprinz. Da wundert es nicht, daß Egon Schäfer und Wolfgang Schultze, beide Stellvertreter des "Alten" und bis zuletzt als künftige Vorsitzende im Gespräch, auf eine Kandidatur verzichteten. Und es überrascht auch nicht, daß das Votum für Schmoldt einstimmig ausfiel. Hermann Rappe hat seinen Laden fest im Griff, und das seit zwölf Jahren.

Die Frage, ob sich denn nach dem Wachwechsel auf dem Gewerkschaftstag im kommenden Jahr Grundlegendes ändern werde in der drittgrößten deutschen Einzelgewerkschaft, verbietet sich da fast von selbst. Einen Generationswechsel werde es geben, einen Kurswechsel nicht, lautet die Parole in der Hannoveraner Zentrale. "Ich stehe für Kontinuität, was unsere politischen Grundsätze angeht", meint Schmoldt, und die heißen unter anderem: bedingungsloses Bekenntnis zu Marktwirtschaft und "Sozialpartnerschaft", mehr Konsens- als Konfliktbereitschaft und, schon immer, ein strikter Antikommunismus. Der IG Chemie und ihrem alten Vorsitzenden hat dies, zumal bei den anderen Gewerkschaften, den Ruf eingetragen, einen zweifelhaften "Schmusekurs" mit den Arbeitgebern zu fahren. Gestört hat das den rechten Sozialdemokraten Rappe, der seit 22 Jahren für die SPD im Bundestag sitzt, freilich nie sonderlich.

An dem ausgesprochen gemäßigten Kurs der Gewerkschaft wird sich unter Hubertus Schmoldt, bislang im Vorstand für Mitbestimmung und Betriebsräte zuständig, wenig ändern; doch besteht die Chance, daß sich die IG Chemie reformiert. Neben dem dominierenden Rappe werden auch seine Stellvertreter Schäfer und Schultze sowie der Tarifexperte Hans Terbrack in den kommenden Jahren den Vorstand verlassen. Die alte Garde tritt ab und schafft Platz für neue Leute. Das Beispiel der IG Metall, wo nach dem plötzlichen Abgang des lange als unentbehrlich geltenden Franz Steinkühler ein frischer Wind weht, zeigt, wie lähmend die monolithische Ausrichtung auf eine charismatische Führungspersönlichkeit mitunter sein kann.

Schmoldt, wenngleich farbloser als der 64jährige Rappe, repräsentiert eher den neuen Typ eines Gewerkschaftsfunktionärs. Der 49jährige, der nach einer Ausbildung zum Maschinenschlosser an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik studierte, würde mit seinem Auftreten in Sprache und Kleidung auch in der Vorstandsetage eines Unternehmens eine gute Figur machen. Seit langem bemüht er sich, die IG Chemie auch für neue Arbeitnehmergruppen attraktiv zu machen, nicht zuletzt für die stetig wachsende Zahl der Angestellten. "Wenn wir nicht als eine unnahbare Großorganisation dastehen wollen", sagt er, "dann müssen wir uns öffnen und die Menschen mit ihren Kenntnissen, Fähigkeiten und auch ihrer Kritik einbeziehen."

Bereits vor drei Jahren warnte er vor einer "Legitimationskrise der Betriebsräte", die sich in ihrer Arbeit nicht mehr auf die klassischen Schutzfunktionen beschränken dürften. Statt dessen müßten sie sich als "Interessenmanager" aller Beschäftigten – auch der Unorganisierten – verstehen und offensiv die Wirklichkeit in den Unternehmen mitgestalten. Die kollektive Schutzfunktion der Tarifverträge müsse zwar erhalten werden, dennoch solle mehr Raum für die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Arbeitnehmer geschaffen werden. "Wenn uns das nicht gelingt; dann kehren uns die Menschen bald den Rücken", meint Schmoldt. Nicht jeder Gewerkschafter alten Schlags hört so etwas gern.

Fraglich bleibt allerdings, ob Schmoldt auch in der Öffentlichkeit den alten Haudegen Rappe ersetzen kann, der sich mit sichtbarem Vergnügen selbst mit anderen Gewerkschaftsführern anlegt. "Der ist furchtbar lieb", urteilt eine langjährige Mitarbeiterin über den smarten Aufsteiger Schmoldt. Mancher sagt ihm gar nach, er verdanke seine Karriere bei der IG Chemie vor allem dem "Talent, sich möglichst lange zurückzuhalten". Dafür sei er allerdings konzilianter und integrativer als Rappe.

Das könnte ihm bei seiner vorerst wichtigsten Aufgabe helfen: der endgültigen Fusion der IG Chemie mit der IG Bergbau und Energie sowie der IG Leder, die bis 1997 abgeschlossen sein soll. Die beiden Traditionsgewerkschaften haben intern bereits signalisiert, daß der Chef der neuen Mammutorganisation Hubertus Schmoldt heißen darf. Dafür hat Hermann Rappe schon gesorgt.