Von Gunter Hofmann

Bonn

Puh! Endlich geschafft! 17. Oktober, die Wähler haben gesprochen. Jetzt ist alles klar. Helmut Kohl weiß, was er "noch einmal wissen" wollte. Er kann weitermachen, Klaus Kinkel mit ihm. Sekt im Adenauer-Haus! Champagner bei den Besserverdienenden!

Zum Auftakt der letzten Runde im Bundestagswahlkampf, kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Bayern, sieht es so aus, als sei die Wahl schon entschieden. Zum ersten Mal genießt Kohl – und zwar in vollen Zügen – einen Kanzlerbonus. Alle jubeln ihm zu. Gemeinsam mit Tina Turner: Simply the best. Die CSU, die von der "dominanten Figur" Kohls profitieren möchte, die FDP, die seinetwegen gewählt werden will, nur Kurt Biedenkopf hält ein wenig auf Abstand und möchte in Sachsen ganz ohne Kohl gewinnen.

Kürzlich, als Helmut Kohl gemeinsam mit Theo Waigel das gemeinsame Regierungsprogramm von CDU und CSU vorstellte, wollte eine Reporterin harmlos wissen, was der Satz Theo Waigels denn heiße, die Bundesrepublik gehöre "1994 erstmals zu den Gewinnern der Geschichte". Was, bitte, habe sie gewonnen?

Typisch! So denke eben "ein Teil derjenigen, die in Deutschland Stimmung machen und das bewußt heruntersetzen, was im Land gut läuft", zürnte Kohl. Gut läuft nämlich alles. Deutsche Soldaten auf den Champs-Élysées. Jelzin gemeinsam mit ihm beim Abzug der letzten russischen Truppen in Berlin, und sie gehen "als Freunde und Partner". Dann Bill Clinton bei der Truppenparade und zur Erinnerung an die Luftbrücke. "Ich muß Ihnen schon sagen", donnert der Kanzler, "ich kenne überhaupt kein Land, das auf ähnliche Weise von sich sagen kann, daß es endlich auf der Sonnenseite der Geschichte lebt." Triumphierend blickt er sich um. Längst ist die kleine Fragestellerin tief im Sessel versunken.

Das Wahljahr mit seinen Metamorphosen, in welchem sich nun eine Vorentscheidung abzeichnet, steckt dennoch voller Geheimnisse. Der Kern dieses Geheimnisses sei Kohl, heißt es neuerdings. Medien stilisieren ihn geradezu zum "Phänomen". Und es sieht ja wirklich so aus, als hätten sich viele kluge Leute in der Annahme geirrt, die Kanzlerdämmerung breche an, ein Machtwechsel stehe bevor, Kohls Erbe sei zu verteilen.