Von Klaus Hartung

Dresden

Horche mal, das war doch dr Kurt!“ – „Na klar, dr Kurt Biedenkopf wars!“ Die Leute am Eingang des Festzeltes in Sayda waren zu verblüfft, um den Ministerpräsidenten von Sachsen zu begrüßen. Der hatte sich gerade auf dem Absatz umgedreht und war verärgert dem Dampfbad von Biertrinkern und Blasmusik entflohen. Etwas war schiefgegangen. Niemand hatte reagiert. Ohne ordentliche Einleitung mögen eben die Erzgebirgler ihrem Landesvater nicht zujubeln. Also mußte das Ganze wiederholt werden, mit Begrüßungsrede des Bürgermeisters, mit der Ansprache Biedenkopfs. Schließlich war er der Schirmherr des 1. Internationalen Saydaer Musikfestivals. Und dann war es soweit: Man konnte ihm zuprosten, aber herzlich! Eine solche Panne gehört jedoch zu den Ausnahmen. Seit drei Wochen läuft die Landesherrnvisite, am 11. September wählen die Sachsen. Pünktlicher Anflug mit dem Hubschrauber, immer von vielen Zuschauern erwartet; Autogramme, Blumenstrauß für die Gemahlin. Der Ministerpräsident regelt das Verhältnis von Nähe und Distanz, bittet die Zuhörer heran und ermahnt die Kinder. Nicht das Bad in der Menge wird geboten, sondern die Konzentration der Zuhörer gefordert.

Neustadt am Ostrand der Sächsischen Schweiz, eine Krisenregion: Die beiden Brotgeber der Region, das Landwirtschaftsmaschinen-Kombinat mit 2000 Arbeitsplätzen und die Sebnitzer Kunstblume, sind nach der Wende zusammengebrochen. Biedenkopf nennt die Probleme sofort, demonstriert Detailkenntnis. Ein Modell des Mähdreschers aus dem Kombinat stehe auf seinem Schreibtisch und ein Strauß Sebnitzer Kunstblumen in der Staatskanzlei. Aber es mache „keinen Sinn, Geld in eine Produktion zu stecken, die keinen Markt hat“. Der Ostmarkt ist zusammengebrochen, die Konkurrenz mit Fernost aussichtslos. Mehr soziale Gerechtigkeit gebe es nur, wenn Gewerkschaften und Personalräte mitziehen und auch den Frauen angemessene Chancen einräumen. Biedenkopf verspricht jedoch keine landesväterlichen Tröstungen, sondern führt die Zuhörer als Analytiker zur historischen Etappe des „Transformationsprozesses“. Der „Rohbau“ sei fertig; die Investitionen in die Infrastruktur des Landes seien erbracht. „Aber wir sind noch weit weg vom Ziel“ – nun gehe es um regionalpolitisch gezielte Förderung.

Tonartwechsel: Es spricht der Praeceptor Saxoniae. Er erinnert daran, daß jede zweite Mark des sächsischen Haushaltes aus dem Westen komme. Zögerlich wird genickt. „Wir haben aus dem Geld viel gemacht. Deswegen brauchen wir nicht dankbar zu sein.“ Aber die Leistung Westdeutschlands müsse man anerkennen. Und: „Jetzt hat nur der mehr Geld, der aus dem vorhandenen Geld mehr macht.“

Spätestens an dieser Stelle ist der Grundton gewonnen: „Der Schatz der Sachsen ist der Grips der Sachsen.“ Die sächsische Intelligenz, die sächsische Kultur, sie sind die Avantgarde der Erneuerung in Deutschland. Der Sachsenmythos erhebt alles zum Symbol: die neue Fabrikhalle des Stahlbaubetriebes von Dr. Kaempfer, der den „Wessis auf dem Markt den Garaus machen will“; das kürzlich eröffnete Erzgebirgsmuseum Saydas im mittelalterlichen St. Joannis-Hospital; das neugestaltete Kulturhaus mit postmoderner Empfangshalle in Neustadt. (Im nächsten Jahr soll dort das Treffen aller deutschen Neustädter stattfinden; dem Bürgermeister Dieter Grützner wird die Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten zugesichert.) Sachsen vorn! Anlässe gibt es genug für die Begeisterung der Landesmutter Ingrid: „Ich bin so stolz auf unsere Sachsen!“

Aber dann ist es endlich Zeit, sich an den Wahlkampf zu erinnern. Doch nicht der CDU-Politiker, sondern der persönlich enttäuschte Ministerpräsident Biedenkopf spricht: Unbegreiflich sei ihm, wie Karl-Heinz Kunckel, der sozialdemokratische Spitzenkandidat, die „Dresdner Erklärung“ der SPD habe unterschreiben können. Die Behauptung, die Bundesregierung habe vier Jahre lang den Osten im Stich gelassen, reiße „neue Gräben“ zwischen Ost und West auf. „Ausgerechnet die deutschen Sozialdemokraten verweigern den westdeutschen Arbeitern die Anerkennung dafür, daß sie die Renten im Osten bezahlen.“ Biedenkopf erwähnt die PDS kaum; einen Wahlkampf gegen die „roten Socken“ lehnt er ohnehin ab. Aber, so erklärt er, einen Vertrauensverlust, einen „Bruch“ habe es nach Magdeburg gegeben.