Von Stefan Merx

Sieben Tischtennisbälle auf grauem Schaumstoff. Für manchen trugen sie die wichtigste Nachricht des Wochenendes: 5, 8, 9, 10, 24, 38, Zusatzzahl 6. Bei der "34. Veranstaltung im Deutschen Lottoblock" ging selbstverständlich alles mit rechten Dingen zu. Das Protokoll beweist einwandfrei: "Eine Kugel gelangte über eine spiralförmige Bahn durch ein in der Achse der Trommel befindliches Auslaufrohr aus der Trommel heraus und fiel in einen durchsichtigen Plexiglasbehälter." 6,7 Millionen waren am Fernseher dabei. Mit 200 Millionen Tips hatten die Deutschen auf den Jackpot eingehämmert. Doch er wollte einfach nicht platzen – der Wahrscheinlichkeit zum Trotz.

Deutschland taumelt im Lottofieber. In der wahnwitzigen Hoffnung auf den höchsten Hauptgewinn der europäischen Lotteriegeschichte, den nunmehr 35 Millionen Mark schweren Jackpot, wird heftiger als je zuvor gespielt. Über 290 Millionen Mark haben deutsche Hoffnungsträger in der vergangenen Woche riskiert. Das ist Rekord. Mit der Gewinnsumme wächst die Spiellust – und mit der Spiellust die Gewinnsumme.

Davon profitiert vor allem der Staat. Denn nur die Hälfte des Einsatzes wird unter den Glückspilzen wieder ausgeschüttet. Vom Rest gehen 16,7 Prozent als Lotteriesteuer in den Länderfinanzausgleich, rund sieben Prozent bekommen die Leiter von 25 000 Lottoannahmestellen als Provision. Nachdem sich die sechzehn Lotteriegesellschaften der Länder ihren Anteil für Werbung und Selbsterhaltung abgezweigt haben, muß der Rest nach den Lotteriestatuten gemeinnützig verwendet werden. Doch unter "gemeinnützig" wird viel verstanden. Die verbleibenden 20 bis 25 Prozent vom Lottokuchen, Zweckertrag oder Konzessionsabgabe genannt, kommen deshalb mal der Traber- und Vollblutzucht zugute, mal wird ein Behindertenheim gebaut, mal ein Biotop renaturiert.

Manches Bundesland schüttet die Zweckerträge auch schlicht ins Haushaltsloch. Auch das sei ja gewissermaßen eine gute Tat, heißt es etwa in Bayern, wo die Lottogelder als "allgemeine Deckungsmittel" im Landesetat verschwinden. Schließlich kann der bayerische Finanzminister Georg Freiherr von Waldenfels "nichts Verwerfliches daran erkennen, daß der staatliche Anteil am Lottoumsatz letztlich auch zur Schuldentilgung verwandt wird". Auch in Hamburg wird nicht nachgewiesen, wohin die Lottomittel fließen. Schließlich werde in der Hansestadt mehr Geld für wohltätige Zwecke ausgegeben, als durch Glücksspiel hereinkommt, rechtfertigt Lotteriereferent Manfred Zimmermann das Procedere. Irgendwo werden im vergangenen Jahr die 86,9 Millionen also schon gemeinnützig angelegt worden sein.

Der Landesrechnungshof in Schleswig-Holstein nahm es da schon genauer und kritisierte die Vermischung allgemeiner Deckungsmittel mit Lotterieeinnahmen. Das war 1991. Doch bis heute ist der geforderte "geschlossene Deckungskreislauf" – Transparenz von der Einnahme bis zur Ausgabe – in Schleswig-Holstein nicht nachgewiesen. "Erhebliche Zweifel an der Zulässigkeit" hegten die Kontrolleure darüber hinaus, wenn mit Lottogeld Büchereien oder Volkshochschulen unterstützt werden, da hier das Land verfassungsgemäß ohnehin in der Finanzierungspflicht stehe: "Aufgaben, die der Staat übernommen hat, sind, wenn sie auch dem Gemeinwohl dienen, nicht zwingend gemeinnützig." Den Bayern sind solche Feinheiten freilich egal. Lotto ist Ländersache, und so hält es jeder Finanzminister nach Gusto.

Als "Spielverderber" (Hamburger Morgenpost) mußte sich unterdessen Uwe Jens titulieren lassen, SPD-Bundestagsabgeordneter und Wirtschaftsexperte. Er hatte mitten in der schönsten Jackpot-Hysterie gefordert, diese von Gesetzes wegen zu beenden. Fünf Millionen für sechs Kreuze am richtigen Platz seien als Höchstgewinn doch wohl ausreichend. "Selbst promovierte Menschen meinen auf einmal, mitmachen zu müssen. Ich glaube durchaus, daß Leute durch diese exorbitanten Summen verführt werden."