Von Ota Filip

Fast zwei Jahre nach der Teilung der Tschechoslowakei ist die Lage der tschechischen Diplomatie bedenklich: Falls das Prager Außenministerium einmal alle seine Botschaften in der Dritten Welt von ehemaligen Kommunisten säubern sollte, bräche der gesamte diplomatische Dienst in Afrika, Asien und Lateinamerika zusammen. Das Czernin-Palais leidet Mangel an erfahrenen Diplomaten, die fremde Länder gut kennen und fremde Sprache sprechen. Auf das große intellektuelle Reservoir von erfolgreichen tschechischen Exilanten will man nicht zurückgreifen. Der Neid der kleinen Bürokraten und das Mißtrauen der Prager Politiker gegen die Emigranten sind stärker als alle Vernunft.

Nur vier Emigranten wurden nach 1989 in den diplomatischen Dienst aufgenommen: Karel Kühnel, früher Redakteur bei Radio Free Europe in München, Richard Graf Belcredi, tschechischer Exilpolitiker, Jan Dräbek, Publizist aus Kanada, und nicht zu vergessen: der tschechische Botschafter in Deutschland, der Dichter Jiři Gruša, der vor 1990 als Emigrant in der Bundesrepublik lebte. Soweit die Liste der Emigranten. Aber für das Verzeichnis von ehemaligen Kommunisten im diplomatischen Dienst würde eine Seite einer Tageszeitung kaum ausreichen.

In der Prager Diplomatie spielt heute die schon fast traditionelle Aufgeblasenheit eine gewisse Rolle. Man möchte am liebsten exklusiv mit Bill Clinton und mit keinem anderen große tschechische Weltpolitik machen. Man gibt den Polen, den Ungarn, den Rumänen und Bulgaren, den Ukrainern und auch den Russen zu verstehen, daß sie als Partner auf dem Weg nach Westeuropa für die Tschechen nicht erwünscht sind. Prag ist fest davon überzeugt, daß es für die Tschechen einen Sonderweg nach Europa geben muß oder daß Europa sich der Tschechischen Republik anschließen wird.

Deutschland spielt in diesen Überlegungen eine zentrale Rolle. Botschafter Jiři Gruša sieht nach vier Jahren in Bonn im Verhältnis von Tschechen und Deutschen ein wesentliches Versäumnis: „Wir haben keine gemeinsame Institution, die unsere Beziehungen in der Vergangenheit und heute sachlich auswerten könnte. Die Beurteilung unserer Nachbarschaft, die ja für Europa so wichtig ist, überlassen wir der emotionell oder sogar antideutsch aufgeladenen tschechischen Presse oder der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Dabei sind wir ja heute nicht mehr arm, und wir könnten uns ein tschechisch-deutsches politologisches Institut leisten.“ Einen Fehler machen nach Meinung Grušas auch manche Bundestagsabgeordnete, die sich im Wahljahr 1994 in ihren Reden den Argumenten der unversöhnlichen alten Herren der Sudetendeutschen Landsmannschaft anpassen.

Ein großes Problem ist für Jiři Gruša die ungelöste Frage der doppelten Staatsbürgerschaft. Er selbst hat schon mehr als fünfzehn in Deutschland lebenden Sudetendeutschen, die vor 1938 tschechoslowakische Staatsbürger waren, die tschechische Staatsbürgerschaft besorgt. „Sudetendeutschen, die tschechische Staatsbürger werden wollen, werde ich immer helfen“, sagt der Botschafter.

„Wenn diese Menschen uns mögen, dann mögen wir sie auch. Und wenn sie den Wunsch äußern, tschechische Staatsbürger zu werden, sehen wir keinen Grund, sie abzuweisen.“ Das Problem sind in diesem Fall aber nicht die tschechischen Behörden, sondern vielmehr die Unaufrichtigkeit der deutschen Regierung: Auf der einen Seite läßt sie laut das Recht auf Freizügigkeit und auf Heimat verkünden, aber auf der anderen Seite verbieten deutsche Gesetze eine doppelte Staatsbürgerschaft.