Von Christian Wernicke

Wieder bläst Rom zum Kreuzzug. Wie einst im Mittelalter schickt der Papst seine Knappen in den Orient, um eine heilige Mission auszufechten. Heute ist Kairo das Ziel; und die Ungläubigen, die es diesmal zu schlagen gilt, sind nicht die Muselmanen. Die kämpfen Anno Domini 1994 mit dem Vatikan Seit’ an Seit’ – "um die Zukunft der Menschheit" (Johannes Paul II.), gegen "die Zerstörung aller Werte" (so die Schriftgelehrten der einflußreichen Al-Azhar-Moschee). Als gemeinsamer Gegner eint Katholiken und Muslime die "Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung", die von Montag an in der ägyptischen Hauptstadt tagt. Fundamentalisten aller Religionen, vereinigt euch – und eilt an den Nil.

Islamische Terroristen basteln nun sogar an Bomben, um die "Tagung der Zügellosigkeit" zu sprengen. So weit geht der Heilige Vater natürlich nicht. Aber er hat die neuntägige UN-Konferenz von mehr als 180 Nationen als ein Sündenbabel ausgemacht. Ein Konklave, das allein das rapide Wachstum der Weltbevölkerung bremsen will, verkennt Johannes Paul II. als "ein Projekt zur Zerstörung der Familie", ja als Verschwörung zur "systematischen Tötung ungeborenen Lebens". Seine Epigonen sehen Kairo gar als Hort der Verbreitung von Homosexualität und Libertinage. Mit solchen Vorwürfen haben der Vatikan und die Scheichs es zumindest geschafft, die 20 000 Teilnehmer zu diffamieren – als Agenten einer "Abtreibungskonferenz" nämlich.

Doch mit seiner Kampagne stellt Rom ein falsches Zeugnis aus. Nirgendwo propagiert der UN-Aktionsplan etwa Promiskuität oder schwule Liebe; ausdrücklich nennt das Papier als ein Ziel, die schreckliche Zahl von weltweit mindestens fünfzig Millionen Schwangerschaftsabbrüchen pro Jahr zu verringern. Allein um Wege aus diesem alltäglichen Elend geht der Streit. Weil etwa alle drei Minuten eine Frau unter den Händen eines Kurpfuschers stirbt, raten einige Regierungen – allen voran US-Präsident Clinton – dazu, die Frauen in Not nicht mit Paragraphen zu verfolgen, sondern ihnen eine legale, medizinisch "sichere" Abtreibung zu ermöglichen. Zugleich aber werden alle Staaten, die demographische Diktatur in China eingeschlossen, in Kairo auch diesen Satz unterschreiben: "In keinem Fall ist Abtreibung als Mittel der Familienplanung zu fördern."

Verhütung statt Abbruch lautet also in Wahrheit das große Thema von Kairo. Das Menschenrecht auf Familienplanung ist eine von drei Säulen, auf denen die Staatengemeinschaft ihren neuen Konsens zur Bewahrung der Schöpfung – also auch deren vermeintlicher Krone – baut. Zweitens verpflichten sich Nord und Süd, mehr in den Kampf gegen die Armut zu investieren; schließlich werden neun von zehn Babys in den Hütten der Miserablen geboren. Und drittens anerkennt das reichste Fünftel der heute 5,7 Milliarden Menschen seine Verantwortung für die drohende Zerstörung des blauen Planeten durch Müllberge und Klimakollaps: Selbst Washington nennt den American way of life inzwischen eine "bankrotte ökonomische Strategie".

Allein schon diese globale Dreieinigkeit ist ein großer Erfolg. Noch vor zwanzig Jahren, bei der ersten Weltbevölkerungskonferenz in Bukarest, hatten Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner die Familienplanung als "Komplott der Reichen gegen die Armen" verteufelt. Inzwischen jedoch begreift der Süden die horriblen Szenarien der Demographen als Bedrohung seiner eigenen Sicherheit. Wenn Mann und Frau nicht rasch ihre Fruchtbarkeit zügeln, streiten sich Mitte des nächsten Jahrhunderts doppelt so viele Menschen um Wasser und Brot. Mindestens 10, vielleicht gar 12,5 Milliarden Menschen wären es dann. Hunger, Kriege, Verwüstung sind unausweichlich, solange sich der Homo sapiens pro Sekunde um drei Artgenossen vermehrt. Denn jeden Tag ein neues Braunschweig, jedes Jahrzehnt ein zusätzliches Indien – das kann Mutter Erde nicht tragen.

Doch die Welt lernt dazu. Mehr als jede zweite Frau in den Entwicklungsländern schützt sich heute gegen eine ungewollte Empfängnis. Vor einer Generation brachte jede Mutter durchschnittlich noch sechs Nachkommen zur Welt; heute sind es weniger als vier. Das Traumziel der Demographen aber – die Kleinfamilie mit nur zwei Kindern, eine langfristig stabile Weltbevölkerung – ist damit noch nicht erreicht. Was also tun? Zwangsabtreibungen und erpreßte Sterilisationen, so warnt die Uno, sind unmenschlich und helfen nicht weiter. Das klingt fast päpstlich. Doch während der Heilige Vater die Pille als "Krieg mit chemischen Waffen" verteufelt und stur den Unterschied zwischen Abtreibung und Verhütung verwischt, argumentiert der Aktionsplan von Kairo mit der Wirklichkeit.