Von Werner A. Perger

Bonn

Die Rolle des Jolly Joker paßt Gerhard Schröder wie auf den Leib geschrieben. Mit einem Knall auf die Bühne springen, Leben in die Bude bringen und womöglich im Handumdrehen den Schlußakt umschreiben, so daß sich das dröge Trauerspiel zum kecken Schelmenstück wendet: Solche Draufgängernummern sind ganz nach seinem Geschmack.

"Großen Spaß" wird er daran haben, sagt er, "mit den beiden anderen" am Tor zum Kanzleramt zu rütteln. Die dort drinnen sollen sich fürchten vor den wilden Kerlen da draußen. Der Rudolf, der Oskar und er – "gemeinsam mit den anderen", fügt Schröder gönnerhaft hinzu, denn da gibt es ja eine ganze Mannschaft – wollen nichts weniger als "die Macht für die SPD erkämpfen". Drei Musketiere gegen den König, frei nach Alexandre Dumas: Einer für alle! Auch alle für einen? Jedenfalls bis Mitte Oktober.

Der Schulterschluß der Rivalen kam spät. So spät, daß Schröder buchstäblich in letzter Minute einem leibhaftigen sozialdemokratischen Bundeskanzler am Montag das verabredete Mittagessen absagen mußte. Eigentlich hatte er mit Franz Vranitzky in Wien speisen und plaudern wollen. Statt dessen mußte er zunächst zur Vernissage des Scharping-Teams nach Bonn.

Mag sein, daß der SPD-Vorsitzende bis zuletzt unsicher war, ob er das Risiko eingehen sollte. Auch hat er offenkundig geschwankt, ob er nicht doch lieber, getreu dem ursprünglichen Konzept, den republikanischen Sonnenkönig Kohl allein herausfordert, als einsames tapferes Schneiderlein. Rudolf Scharping und seine Berater, auf deren vermeintlicher Professionalität inzwischen einige Schatten lasten, hingen der Überzeugung an, das Volk wünsche nichts sehnlicher als einen anderen Bundeskanzler. Einen jüngeren, sportlichen, schlanken. Den Antityp. Und der sei er, Scharping, der Dünne von der SPD.

Dafür gab es ja verführerische Anhaltspunkte. Als Scharping vor mehr als einem Jahr von seiner Partei in einer Urwahl zum Vorsitzenden gewählt wurde – gegen die Mitbewerber Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul –, stiegen prompt seine Popularitätswerte. Leichtgewicht war zwar Kohls erste Devise (zugleich mahnte der Kanzler, ihn nicht zu unterschätzen). Doch ein eindrucksvoller Auftritt Scharpings in der Haushaltsdebatte im November 1993 nährte zunächst den Eindruck, der inzwischen wie eine Sinnestäuschung anmutet: Der Main ist ein Kämpfer, er könnte Kohl tatsächlich gefährlich werden.