Der Katalog der Vorwürfe ist lang. Geldverschwendung, Pfründenwirtschaft, Ämterschacher, Korruption, Ineffizienz – das alles kreidet man den Vereinten Nationen seit Jahrzehnten an, manches Mal zu Unrecht, aber allzuoft mit gutem Grund. Was einem halben Dutzend Reformkommissionen in dreißig Jahren nicht gelungen ist, hat amerikanischer Druck innerhalb von vier Monaten erzwungen: die Einrichtung eines unabhängigen Finanzinspektorats.

Die Vereinigten Staaten, mit 25 Prozent weitaus größter Beitragszahler zum UN-Haushalt, haben jahrelang versucht, ihrer Forderung durch schleppende Überweisungen Nachdruck zu verleihen. Im April machte der US-Kongreß ernst und drohte, die Beiträge zum regulären Budget um zwanzig und die für die Friedenssicherung gar um fünfzig Prozent zu kürzen. Das wirkte. Seit dem 29. Juli gibt es das Amt des Undersecretary General for Internal Oversight Services und seit dem 12. August auch den Mann dazu: Karl-Theodor Paschke, derzeit Leiter der Zentralabteilung des Auswärtigen Amtes. Er wird damit zum ranghöchsten Deutschen in der UN-Hierarchie, mit einem Auftrag, an dessen Ausführung Deutschland als drittgrößter Beitragszahler (mit 8,93 Prozent) ein beträchtliches Eigeninteresse hat.

Sein diplomatischer Werdegang prädestiniert den 58jährigen Paschke geradezu für diesen Posten, in dem er die sture Hartnäckigkeit eines Buchhalters mit dem Fingerspitzengefühl eines Chirurgen verbinden muß: drei Jahre Zaire, zwölf Jahre USA, Leiter der Ausbildungsstätte für den Diplomatennachwuchs, Pressesprecher des Außenministeriums unter Genscher, Botschafter bei den Wiener UN-Behörden. In seinem jetzigen Amt ist Paschke verantwortlich für Personal und Verwaltung des gesamten Ministeriums.

Stolz ist er darauf, "ohne zusätzliches Personal die gewaltigen neuen Aufgaben nach der innerdeutschen und internationalen Wende bewältigt zu haben". Paschke ist es auch zu verdanken, daß modernste Telekommunikation und betriebswirtschaftliches Denken ins AA einzogen, wo bisher die Aktenwagen über abgewetztes Linoleum zum Paternoster knarzten. Kollegen wie Untergebene bescheinigen ihm Gelassenheit in der Form, verbunden mit Durchsetzungsvermögen, notfalls auch Härte in der Sache.

Aber reicht das? Das Amt des Chefkontrolleurs, sagt ein deutscher Beamter in der UN-Finanzverwaltung, "ist ein Knochenjob, daran könnte sich eine ganze deutsche Firma die Zähne ausbeißen". Daß er der einzige UN-Beamte seines Rangs ist, dessen Ernennung (und damit Entlassung) durch den Generalsekretär von der Generalversammlung bestätigt werden muß, macht Paschke relativ autark. Manchen seiner zukünftigen Kollegen gehen die Befugnisse des Kontrolleurs und die Ausstattung seines Amtes noch nicht weit genug: Statt der hundert Beamten, denen Paschke ab dem 1. Oktober vorsteht, müßten es mindestens 150 sein; vonnöten seien mehr qualifizierte Kräfte und vor allem ein eigenes Budget.

Sicher ist einstweilen nur, daß Paschkes neuer Arbeitsplatz in einem politischen Minenfeld liegt und weitaus mehr Risiken birgt als der begehrte Botschafterposten in Tokio, für den er ebenfalls im Gespräch war. Aber New York hat auch einen unschätzbaren Vorzug für den passionierten Jazzsaxophonisten, der bisher an jedem seiner Posten eine selbstgegründete Band hinterließ: Die Stadt bietet eine der reichsten Musikszenen der Welt.

Constanze Stelzenmüller