STUTTGART. – Ein ungarischer Informatiker und seine Familie sollen nach sieben Jahren in Deutschland abgeschoben werden – und der verantwortliche SPD-Minister merkt nicht, wie er sich damit blamiert. CDU-Politiker, vom Bürgermeister bis zum Ministerpräsidenten, ergreifen Partei für den Ungarn, doch der Innenminister schaltet auf stur.

Der CDU-Landtagsabgeordnete und Bürgermeister Gerd Zimmermann schreibt an den Petitionsausschuß: „Bei Familie Kovacs handelt es sich um eine fleißige Familie, die sich in der Gemeinde und beim Arbeitgeber integriert hat. Wer wie ein Schwabe oder ein Badener sich ein Wohnhaus errichtet, von seinem Arbeitgeber als ,unabkömmlich’ bezeichnet wird, paßt in dieses Land.“ Der Sinsheimer Oberbürgermeister Horst Sieber (CDU) wird zugunsten der Kovacs sogar renitent, er verweigert die Ausweisung. Und Janos Kovacs’ Firmenchef, auch er ein CDU-Mann, bekommt gar Zweifel am Staat: „Leben wir in einer Bananenrepublik?“

Anfang 1987 kommt Janos Kovacs mit einer für drei Jahre gültigen Aufenthaltserlaubnis nach Sinsheim, um bei einer Computerfirma zu arbeiten. Der Inhaber lernt ihn bald als einen „fleißigen hochmotivierten Mitarbeiter“ schätzen, der heute 35jährige wird seinem Chef „unersetzlich“: Kovacs entwickelt millionenteure EDV-Systeme, namhafte Kunden lassen sich ihn vertraglich als Projektleiter zusichern. Als die Aufenthaltserlaubnis abläuft, schreiben sie an den Firmenchef: „Seiner fundierten Kenntnisse wegen zählt Kovacs zu den wenigen Spezialisten der Branche, wir bitten Sie, alles zu tun, damit die Genehmigung verlängert wird.“

Das gelingt zunächst, weil es an deutschen Informatikern mangelt – bis die Beamten zu entdecken glauben, daß sich der Arbeitsmarkt geändert habe, die Beschäftigung des Ungarn deshalb nicht mehr im öffentlichen Interesse liege. Ihren Hinweis, beim Arbeitsamt seien 165 EDV-Spezialisten gemeldet, kontert Firmenchef Hartmut Tremmel gerne damit, daß er einen Packen Bewerbungen auf den Tisch knallt: Kein gestandener Informatiker drunter, sagt er dann, die meisten seien völlig ungeeignet, wer gut sei, habe einen Job. „Und selbst wenn, ein Neuer bräuchte ein, zwei Jahre, um sich das Spezialwissen anzueignen.“ Trotzdem: Janos Kovacs, seine Frau und drei Kinder sollen die Koffer packen. Um dem Druck aus dem Ministerium auszuweichen, gibt der Sinsheimer Oberbürgermeister den Fall entnervt ans Regierungspräsidium ab.

Ende 1993 kommt der „Fall“ in den Petitionsausschuß. Zweimal plädieren die Parlamentarier für den Ungarn, doch zweimal widersprechen Vertreter des Innenministers. Als schließlich der Ministerrat darüber berät, findet Kovacs auch dort Fürsprecher. Doch es hilft nichts, Birzeles Linie setzt sich durch. Staatssekretär Lorenz Menz teilt die ablehnende Haltung der Regierung mit „Herrn Kovacs wurde von seiner Familie nicht das Bewußtsein vermittelt, Deutscher zu sein und keinem anderen Volk zuzugehören. Auch seine Deutschkenntnisse sprechen nicht für eine Prägung zum deutschen Volkstum. Ein überwiegendes Deutschtum kann deshalb nicht festgestellt werden.“ Kovacs, dessen Mutter und Großmutter Deutsche waren und der in Dresden studiert hat. spricht übrigens ein einwandfreies Deutsch. Verstanden hat er dennoch nicht, wem es nützen soll, daß er geht. Zumal wenn Ungarn der EU beitritt, er dann wiederkommen dürfte.

Letzte Hoffnung der Familie ist ein Eilantrag auf Duldung beim Verwaltungsgericht. Üblicherweise wird eine solche Entscheidung abgewartet. Doch schon droht das Regierungspräsidium: „Rein rechtlich können wir auch vorher abschieben.“ Stefan Scheytt