GORLEBEN. – Auf dem Elbdeich, zwei Kilometer stromabwärts von Gorleben, veranstaltet Heinz seine tägliche Flaggenparade. Das Schilderhäuschen, an dem er die Fahne hißt, ist aus Abfallholz, das Tuch schwaizrot, und ernst nimmt Heinz das Zeremoniell ohnehin nicht. Sein Spiel gilt dem Ausweichquartier der Atomkraftgegner unter ihm am Fuße des Deiches. Unter alten Eichen verstreut liegen die Zelte der gut fünfzig Dauerdemonstranten, die ihr Hattendorf am Gorlebener Zwischenlager wegen Waldbrandgefahr verlassen mußten und jetzt hier ihren Protest fortsetzen.

Der Castor-Behälter, gegen den sich der Protest richtet, steht noch immer im Kernkraftwerk Philippsburg in Baden-Württemberg. Ein Erfolg, findet die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Die Landesregierung sei durch sie „auf Trab“ gebracht worden. Erst nachdem Dorfgemeinschaften und Berufsgruppen im Wendland angekündigt hatten: „Wir stellen uns quer“, fiel den Regierenden in Hannover ein, was sie alles gegen den Castor-Transport unternehmen könnten. Innenminister Gerhard Glogowski führte die Personalknappheit der Polizei in den Sommerferien an. Ministerpräsident Gerhard Schröder meinte, man müsse erst einmal die Verladeprotokolle prüfen. Das könne lange dauern.

Die Erwartung, daß die atomare Entsorgungswirtschaft schon selbst für Ablehnungsgründe sorgen werde, trog nicht. Bei der Beladung des Castors im Kernkraftwerk Philippsburg ging so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte. Der Tüv Südwest listete die Fehler auf, ohne darin jedoch einen Hinderungsgrund für den Transport zu sehen. Der Primärdeckel des sechs Meter langen und 116 Tonnen schweren gußeisernen Castors paßte nicht. Bei dem Versuch, ihn passend zu machen, wurde die Metalldichtung gequetscht und zerschnitten. Die Dichtungen sind die einzige Sicherheit für die Umwelt während der vierzigjährigen Lagerzeit im Zwischenlager Gorleben. Luftfilter gibt es nicht in der Lagerhalle. Was aus dem Behälter entweicht, gelangt unmittelbar in die Umgebung. Ein Sprecher der Energieversorgung Schwaben (EVS) meinte, er persönlich hätte den Behälter an den Hersteller zurückgeschickt.

Statt dessen steht er jetzt abfahrbereit auf den Gleisen in Philippsburg. Nach über zehn Jahren, in denen das Zwischenlager in Gorleben betriebsbereit war, aber leer blieb, ist die Energiewirtschaft jetzt entschlossen, zum ersten Mal hochradioaktiven Abfall nach Gorleben zu bringen. Technisch notwendig ist dieser Transport nicht, das haben die Hausherren in Philippsburg der Umweltministerin Monika Griefahn zugegeben. Das KKW-eigene Abklingbecken hätte noch Platz für weitere Brennelemente bis zum Jahre 2011. Doch es geht um Politik.

Es gibt zwei Gründe für die plötzliche Entschlossenheit der Energiewirtschaft, das Zwischenlager zu nutzen. Seit dem Frühjahr ist die direkte Endlagerung gesetzlich möglich. Direkte Endlagerung, das heißt: Zwischenlager in Gorleben, Behandlung der Brennstäbe in der Pilotkonditionierungsanlage (PKA) Gorleben, Endlagerung im Salz, möglichst auch in Gorleben. Außerdem muß noch vor Ablauf des Jahres hochradioaktiver Abfall aus der Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague zurückgenommen werden. Auch dieser Müll soll nach Gorleben.

Die Landesregierung möchte genau das verhindern, jedenfalls solange es keinen Konsens über die künftige Energiepolitik gibt. Wer den Konsens wolle, dürfe Niedersachsen nicht vor vollendete Tatsachen stellen, meinte der Ministerpräsident. Im Frühjahr setzte das Bundesamt für Strahlenschutz per Verwaltungsgericht den Weiterbau am Endlagerbergwerk durch. Im Juli mußte die Landesregierung einer Weisung von Bundesumweltminister Klaus Töpfer folgen und die zweite Teilgenehmigung für die Pilotkonditionierungsanlage erteilen. Wenn nun auch noch das Zwischenlager in Betrieb ginge, wäre die Verhandlungsmasse der Niedersachsen in Sachen nukleare Entsorgung gleich Null. Karl-Friedrich Kassel