MÜNCHEN. – „Hirtentäschl und kriechender Hahnenfuß, Spitzwegerich und Weißklee“, der Mehringer-Bauer wundert sich nur, was neuerdings so alles an Kräutern und Gräsern auf seinen Weiden wächst. Die Artenvielfalt verdankt er nicht zuletzt der Stadt München und einem Projekt, mit dem sie die hohe Qualität ihres Trinkwassers auch für das nächste Jahrhundert sichern will. Obwohl sämtliche Grenzwerte bislang weit unterschritten werden, mußten die Münchner Wasserversorger in den letzten Jahren einen Anstieg der Nitrat- und Pestizidbelastung feststellen. „Schaden gar nicht erst entstehen lassen“, nennt Knut Höllein, Chef der Wasserwerke, den „wichtigsten Beweggrund für die Initiative der Stadt“.

Die Initiative: Landwirte aus dem Wasserschutzgebiet Mangfalltal – München bezieht aus dieser Voralpenregion rund achtzig Prozent seines Trinkwassers – sowie Vertreter der Ökoverbände Naturland, Bioland und Demeter wurden vor zwei Jahren an einen Tisch gebeten. Das dabei vorgestellte Projekt: Die Stadt München bezahlt für die Dauer von sechs Jahren eine Überbrückungshilfe von 550 Mark pro Jahr und bewirtschaftetem Hektar Land. Dafür müssen die Bauern einem der drei Ökoverbände beitreten, deren Richtlinien entsprechend auf ökologischen Landbau umstellen sowie jährlichen Kontrollen zustimmen.

„Da hamma dann scho as Rechnen o’gfangt“, erinnert sich Bauer Mehringer an die Diskussionen: Einerseits spart der Landwirt die Ausgaben für chemisch-synthetischen Dünger und Pflanzenschutzmittel, die strengen Richtlinien der Verbände verbieten deren Ausbringung; andererseits, so hat sich gezeigt, steht dem ein zehn- bis zwanzigprozentiger Ertragsrückgang gegenüber. Dennoch bereut Mehringer seine Entscheidung von damals nicht, den Vertrag mit Bioland zu unterschreiben. Ganz im Gegenteil, im Gespräch mit anderen Landwirten gibt er sich als überzeugter Verfechter des Konzepts. Im letzten Jahr hat sich nämlich gezeigt, daß sich nicht nur das Weideland zusehends naturnäher entwickelt, auch die Nitratbelastung ist teilweise bis zu zwei Drittel zurückgegangen. „Mir derfa ja immer gegan Ampfer spritz’n“, das Ausbringen von Gülle aus konventioneller Tierhaltung ist verboten, die Gülle vom eigenen Hof muß boden- und pflanzenverträglich aufbereitet werden. Und auch das Vieh ist so gesund, „daß mir gar koan Tierarzt gar ned mer braucha“.

Für Agraringenieurin Maria Lotter, die Bioland-Beraterin der Mangfall-Bauern, ist das keine Überraschung. „In unseren Richtlinien ist auch die artgerechte Tierhaltung vorgeschrieben, dem Milchvieh muß Weidegang gewährt werden, die Kälber werden mit den Kühen großgezogen, die brutalen Kuhtrainer [das sind Geräte, die mit Elektroschlägen das Vieh zum Koten über Fäkalienrinnen zwingen, d. R.] sind absolut verboten; sofern möglich, wird in den Ställen auf Anbindung verzichtet. Das wirkt sich alles positiv auf die Gesundheit der Tiere aus.“

Knapp ein Drittel der über hundert im Wasserschutzgebiet liegenden Betriebe haben sich mittlerweile dem Projekt angeschlossen, bis zum Jahresende wollen weitere fünfzehn folgen. „Da muß man halt auch viel Überzeugungsarbeit leisten, manche Bauern warten erst die Erfahrungen ihrer Nachbarn ab, bevor sie sich das Mitmachen überlegen“, erzählt Maria Lotter von langen Beratungsgesprächen. Dennoch glaubt man bei der Stadt und den Ökoverbänden, daß sich das Ziel einer Komplettumstellung der Landwirtschaft in dem bis zu fünfzehn Kilometer langen und neun Kilometer breiten Gebiet innerhalb der nächsten Jahre realisieren läßt. „Schreib in d’Zeitung nei, daß des nur was werd, wann d’Stadt weiderzoid“, ist Mehringer in Sorge für den Fall, daß der Finanzsegen aus München mit Ende der Umstellungsphase ausbleibt. Weit über die Hälfte der Bauern, so ist er sich sicher, würden dann von dem Projekt abspringen.

Auch bei den Wasserwerken und den Ökoverbänden ist man sich dieser Problematik bewußt. So soll Landwirten, die sich zur Teilnahme an dem Pilotprojekt entschieden haben, bei der Vermarktung ihrer Ökoprodukte geholfen werden. Denn abgesehen von der Unterstützung, die die Verbände ihren Mitgliedern beim Absatz der Produkte bieten, wollen sich auch die Münchner Wasserwerke bemühen, „sichere Märkte“ zu erschließen. Höllein: „Ein erster Schritt in diese Richtung könnte zum Beispiel der Verkauf von Biokäse, Biomilch oder Biojoghurt, natürlich alles ohne Farb- und Konservierungsstoffe, aus dem Mangfalltal in den städtischen Kantinen sein.“ Die Bauern sehen noch ganz andere Möglichkeiten: von der Schulspeisung mit Biokakao bis hin zu einem Marketingkonzept, das die gesunden Produkte aus Mangfall-Milch in München anbietet: „I glaub scho, daß die Münchner gern zwoa, drei oder aa fünf Pfennig mehr fürs Glasl Joghurt zoin, wanns wissen, daß des für ihr Trinkwasser is“, appelliert er an die Städter um Unterstützung. Nur: Bislang wissen die wenigsten Münchner, daß sich fünfzig Kilometer von ihren Wasserhähnen entfernt Bauern um die Verbesserung der Münchner Trinkwasserqualität bemühen. Heiner Uber