Australische Reproduktionsmediziner haben Erfolg. Was kümmern sie da noch die moralischen Folgen. Jetzt befruchten sie auch in unreifem Stadium gewonnene Eizellen im Reagenzglas und implantieren den Embryo nach Zwischenlagerung in der Kühltruhe in die Gebärmutter (siehe den folgenden Artikel). Wenn die eigenen Samenzellen für eine Befruchtung nicht taugen, greifen sie (mit Erlaubnis der sich nach Kindern sehnenden Patientin) auch zu Ei- oder Samenspenden, die auf Abruf bereitliegen. Im Roulette der natürlichen Befruchtung wollen sie nicht mehr mitspielen, wie ein australischer Philosoph einmal keck bemerkte, weil doch die Technik eine wirklich „humane“ Zeugung nach Wahl im Reagenzglas möglich mache.

Noch verhindern die Knappheit an befruchtungsfähigen Eizellen und die Risiken, die mit ihrer Gewinnung für die Eispenderinnen verbunden sind, eine allzu leichte Erzeugung von High-Tech-Wunschkindern. Aber nicht mehr lange. Gegen die Methode der Retortenbefruchtung mit Eiern, die außerhalb des Körpers künstlich reifen, ist bei Frauen, die an einer Eierstockerkrankung leiden, kaum etwas einzuwenden. Wohl aber gegen weiter gehende Möglichkeiten, wie sie manch andere Forschungsgruppe bereits auslotet: Es geht um die Verwendung von Eierstockgewebe, das auch von ungeborenen Mädchen oder verstorbenen Frauen stammen könnte. Britische Kollegen des unbekümmerten Mediziners aus Melbourne stehen schon auf dem Sprung.

Sie wollen für die Forschung auch Eierstöcke von Verstorbenen oder abgetriebenen Föten zur Behebung des Eizellmangels heranziehen. Die britische Aufsichtsbehörde hat vorsorglich schon die Meinung von Frauen aus Edinburgh eingeholt. Rund siebzig Prozent von ihnen wären mit der Verwendung von Eizellen Verstorbener einverstanden. Mit dem Einsatz von Eizellen, die aufgrund von Schwangerschaftsabbrüchen zur Verfügung stünden, sind allerdings nur die Hälfte aller befragten Frauen, die an Kinderlosigkeit leiden, einverstanden.

Deutsche Kollegen der angelsächsischen Reproduktionsmediziner müssen sich mit solchen Wünschen nicht auseinandersetzen. Denn bei uns sind kinderlosen Frauen und ihren Ärzten „verbrauchende“ Untersuchungen auf genetische Gesundheit vom Gesetz verboten. Auch Leihmütter haben bei uns nichts zu suchen. Mit Recht, denn auch in der Medizin darf der Zweck nicht alle Mittel heiligen. Vom Kind und seiner Menschenwürde, das moralisch fragwürdigen Experimenten sein Leben verdankt, ist beispielsweise im Entwurf der Bioethik-Konvention des Europarates nicht die Rede. Dafür um so mehr vom technischwissenschaftlichen Fortschritt. Der Entwurf will Forschung an Embryonen bis zum vierzehnten Tag nach der Befruchtung erlauben. Auch in den Vereinigten Staaten bastelt eine Kommission an neuen, lockeren Richtlinien: Fötale Eizellen dürfen danach zur Zeugung von Embryonen benutzt werden, wenn dies der Forschung dient.

Aus Ehrgeiz hilfsbereit zeigen sich diese Reproduktionsmediziner. Sie haben in diesen Tagen die Meßlatte für das ethisch Erlaubte gesenkt, stellenweise bis auf Bodenhöhe. Hierzulande bleibt die Latte hoch oben, aus gutem Grund. Es muß nicht alles erlaubt sein, was sich als Erfolg verkünden läßt. Hans Harald Bräutigam