Von Lutz Reidt

Wer im bayerischen Arbersee Forellen aussetzt, bringt sie um. Binnen kurzem verkleben und verschleimen ihre Kiemen. Die Fische ersticken. Schuld ist der sogenannte saure Regen. Er löst Aluminium aus dem Boden, das die Kiemen der Fische angreift.

Doch nicht nur im Arbersee ist das Wasser mittlerweile so sauer wie Speiseessig. Ob Bayerischer Wald oder Schwarzwald, Fichtelgebirge, Odenwald oder Hunsrück, Weserbergland, Harz oder Erzgebirge – in fast allen deutschen Mittelgebirgen sind Waldböden und Grundwasser versauert, Bäche und Seen verödet: Nicht nur Forellen starben, Amphibien wurden verstümmelt, Kleinlebewesen wie Krebse und Insekten verschwanden vollständig. Biologen haben das „stille Sterben im Schatten des Waldes“ dokumentiert und seit langem davor gewarnt, daß irgendwann auch das Trinkwasser bedroht sein könnte.

Dieses Problem hat unlängst sogar die Politiker in Bonn beschäftigt. Die Antwort der Bundesregierung auf eine große Anfrage der SPD-Fraktion ging indes unter: Das Umweltministerium hatte eine bereits fertige Presseerklärung eilends wieder zurückgezogen. So viele schlechte Nachrichten auf einmal wollte das Töpfer-Haus im Wahljahr den Bürgern dann doch nicht zumuten. Denn in vielen Mittelgebirgsregionen hat die Säurewelle das Trinkwasser inzwischen erfaßt. Mitunter ist es zehnmal saurer, als es die Trinkwasserverordnung zuläßt.

Saures Wasser als solches wäre zwar gesundheitlich kein Problem. Doch nagt die Brühe am Leitungsnetz und löst – je nach Rohrmaterial – Asbest oder Schwermetalle wie Kupfer, Zink oder Blei aus den Rohrwänden. Die Korrosionsschäden für die Wasserwirtschaft sind noch nicht abzusehen, die Folgen für die Gesundheit der Betroffenen schon eher.

In die Schlagzeilen kam saures Trinkwasser erstmals vor zwei Jahren. Damals starb das Kind einer Gastronomen-Familie in der Sächsischen Schweiz an einer Kupfervergiftung. Die Fertignahrung des Säuglings wurde mit versauertem Brunnenwasser zubereitet, das große Mengen Kupfer aus einem neu installierten Heißwasserboiler gelöst hatte.

Daß es überhaupt soweit kommen konnte, ist auch Schuld der Behörden, die nicht rechtzeitig vor der Kupfergefahr gewarnt hatten. Denn das Problem ist nicht neu. Nach einer Studie von Professor Rudolf Eife von der Universitätskinderklinik in München sind 24 Säuglinge seit 1980 erkrankt, 14 davon sogar gestorben. Die meisten Opfer gab es im Bayerischen Wald, weitere im Emsland, einer moorigen, von Natur aus sauren Region. Der jüngste Fall im Raum Hannover zeigt aber, daß die Krankheit auch anderswo auftreten kann, mahnt Eife. Stets stammte das saure Wasser aus privaten Hausbrunnen.