Von Gunhild Lütge

Das Unternehmen lebt noch immer von seinem Ruf, einzigartig zu sein: Digital Equipment, kurz DEC genannt, prosperierte und litt unter dem wohl starrsinnigsten Firmengründer der Branche, Kenneth H. Olsen. Es ging mit einem superschnellen Chip ins Guinness Buch der Rekorde ein. Und seine gutbetuchten deutschen Mitarbeiter initiierten zum Entsetzen der Topmanager im fernen Massachusetts den ersten Streik in der Computerindustrie (siehe Kasten).

DEC gehört – noch – zu den größten Computerbauern der Welt. Mit einer drastischen Schrumpfkur kämpft der amtierende Chef Robert B. Palmer allerdings derzeit um die Zukunft des einstigen Stars der Branche. Aber selbst wenn die Diät anschlägt, sind noch längst nicht alle Probleme gelöst. Das Schicksal des Weltkonzerns hängt vom Erfolg eines winzigen Stücks Silizium ab: Alpha, ein Chip, so groß wie ein Daumennagel.

Weltweit soll von den einst rund 125 000 Stellen gerade die Hälfte übrigbleiben. DEC-Chef Palmer hofft, auf diese Weise jährlich 1,8 Milliarden Dollar einsparen zu können. Doch zunächst muß der Konzern diese Restrukturierung verkraften, die in den vergangenen vier Jahren fast fünf Milliarden Dollar verschlang. In diesem Zeitraum schrieb DEC stets tiefrote Zahlen. Allein im vergangenen Geschäftsjahr, es endet bei DEC im Juni, verbuchte Palmer einen gigantischen Verlust von 2,2 Milliarden Dollar. Schlimmer noch: Er mußte den Aktionären den ersten Umsatzrückgang seit vielen Jahren melden. Weltweit setzte der Konzern sechs Prozent weniger ab und erreichte nur noch 13,5 Milliarden Dollar.

Wie dramatisch sich die Situation zugespitzt hat, zeigen die Worte von Enrico Pesatori, dem Chef der neu gegründeten Computer-System-Division: "Die Gesellschaft muß in den nächsten zwei Quartalen wieder profitabel werden. Wir haben zwar noch genug Geld, aber wenn wir unser Ziel nicht erreichen, wird das Vertrauen unserer Mitarbeiter, Aktionäre und das unserer Kunden an einen Punkt kommen, der uns ernsthafte Probleme bereiten wird." Im Juli wurde bereits eine Perle des Konzerns verkauft: das Geschäft mit den Massenspeichern. Palmer kassierte dafür vierhundert Millionen Dollar – und verschaffte sich etwas Luft.

Greg Scott, ein ehemaliger DEC-Manager, macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: "Ich bin geschockt", schreibt er in einer Bestandsaufnahme aus seiner Zeit im Hause des Computerherstellers, und: "Wir wurden zu arrogant." Das glaubt auch Udo Gümbel, Mitarbeiter beim weltweit operierenden Beratungsunternehmen Gärtner Group: "Anstatt auf die Bedürfnisse der Kunden einzugehen und zu verkaufen, hat man zu lange nur zugeteilt. Jetzt gelingt es DEC nicht mehr, die eigene Kompetenz zu vermitteln." DEC müsse seine Organisation möglichst schnell in Ordnung bringen. Das Unternehmen gleiche einem guten Sänger mit schlechtem Mikrophon. Daran ist Palmer, der im Sommer 1992 den legendären Firmengründer Kenneth H. Olsen ablöste, nicht ganz unschuldig. Als erstes organisierte er den Betrieb völlig um. Vor seiner Zeit war die Verantwortung des Managements nach Erdteilen gesplittet – mit großer regionaler Freiheit. Palmer teilte die Kompetenzen in Geschäftsfelder auf, offensichtlich ohne sie richtig abzugrenzen. Kurz danach schwappte durch das interne elektronische Mitteilungssystem eine Flut von Anweisungen: jeder gegen jeden. Greg Scott: "Niemand wußte mehr, wer wem unterstellt ist und welcher Abteilungsleiter gerade das Sagen hat. Ein endloser Guerillakrieg." In diesem Jahr wird die "relativ komplexe Matrix-Management-Struktur", wie es in einer Erklärung des Unternehmens heißt, wieder aufgegeben.

Palmer lernte vor allem eines: Der Aufsichtsrat, der für die Ablösung von Olsen sorgte, "hat möglicherweise die Aufgabe unterschätzt. Und, ehrlich gesagt, ich auch", zitierte ihn jüngst das Wall Street Journal. In der Tat hat der Firmengründer, der das Unternehmen 1957 in den Räumen einer alten Textilfabrik zusammen mit seinem Bruder Stan und 70 000 Dollar Startkapital gründete, seinem Nachfolger etliche Altlasten hinterlassen Dabei kürte das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune den eigenwilligen, manche sagen auch starrsinnigen Olsen noch im Jahre 1986 zum erfolgreichsten Unternehmer Amerikas.