Bevor sich Rudolf Scharping in einen kurzen Sommerurlaub verabschiedete, hatte er sein strategisches Zwischenziel schon recht bescheiden formuliert. Bis zum Beginn des eigentlichen Wahlkampfes nach der Sommerpause müsse er nur eines erreichen: daß die SPD nicht als chancenlos dasteht.

Am Ende der Sommerpause müßte man schon beide Augen zudrücken, wollte man zu dem Ergebnis kommen: Zwischenziel erreicht. Die SPD und ihr Kanzlerkandidat sind weiter ins Hintertreffen geraten.

Zwar hat auch die SPD bei der Frage nach der Überzeugungskraft der Parteien von 20 Prozent auf 23 Prozent zugenommen. Aber was besagt das schon, wenn sie im März bei 29 Prozent gelegen hatte ( die CDU/CSU damals bei 23 Prozent), die Union aber von Juli auf August sich von 31 auf 35 Prozent verbesserte, ihren Vorsprung gegenüber der SPD also von 11 auf 12 Prozentpunkte ausbauen konnte? (Die Sympathiefrage ist freilich nicht identisch mit der „Sonntagsfrage“: „Wie würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag...?“)

Aufschrecken müßte die SPD ihr doppelter Kompetenzverlust – der thematische wie der personelle. Hatte es im vorigen Winter und im Frühjahr noch so ausgesehen, als könne die SPD erstmals darauf setzen, daß die Wähler eher ihr als der Union wirtschaftspolitische Kompetenz zuschreiben, so ist es damit längst vorbei.

Zwar wird die SPD – wie seit jeher – immer noch für die Partei gehalten, die für Fragen der sozialen Sicherheit zuständig ist (40 Prozent gegenüber 27 Prozent für die Union), aber fragt man nach der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, so liegt die Union jetzt mit 35 Prozent vor der SPD (29 Prozent). Die Vorstellung, sie würden weiterhin allein mit dem Slogan „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ Wahlkampf führen, müßte den sozialdemokratischen Wahlkampfplanern angesichts dieser Einschätzung selbst jetzt noch das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Und erst recht eine andere Anleihe bei Clintons Wahlkampf (It’s the economy, stupid – Es geht um die Wirtschaft, du Dummkopf) müßte danebengehen: Die deutsche Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, das trauen 49 von 100 Wählern jetzt eher der Union, nur noch 21 der SPD zu. Kaum hellt sich der Konjunkturhorizont ein wenig auf, schaut auch die bisher so angefochtene Regierung gesünder – und die Opposition grauer aus.

Im übrigen hat das Thema Arbeitslosigkeit in der Rangliste der politischen Themen zwar nicht seinen ersten Platz, wohl aber einen Teil seiner Dringlichkeit verloren: von 65 Prozent im März auf 51 Prozent im August. Nicht etwa weil die Arbeitslosigkeit strukturell vermindert worden wäre, sondern weil im derzeit optimistischeren Klima weniger Bürger befürchten, ihren derzeit noch vorhandenen Arbeitsplatz zu verlieren.