An der deutschen Börse hat der Wind wieder einmal gedreht. Nach einem Rückgang des Deutschen Aktienindex (Dax) auf vorübergehend unter 2100 stieg er zum Wochenbeginn über 2200. Allerdings waren die Umsätze noch gering, was an der Börse als schlechtes Zeichen gilt. Dennoch sind viele optimistisch, unter anderem auch wegen der neuesten Konjunkturdaten aus den Vereinigten Staaten. Dort wächst die Wirtschaft langsamer als erwartet. Damit sind jenseits des Atlantiks die Inflationsängste erst einmal verflogen – es wird erwartet, daß vorläufig keine Zinserhöhungen notwendig werden. Das hat den Aktien an der Wall Street Auftrieb gegeben und die deutschen Kurse mitgezogen.

Skeptiker bezweifeln allerdings, daß die Aufwärtsbewegung anhalten wird, zumal der deutsche Rentenmarkt nur sehr vorsichtig auf die Zinssenkungshoffnungen in Amerika reagiert hat. Die durchschnittliche Umlaufrendite öffentlicher Anleihen gab bisher nur sehr zögernd nach. Nachteilig macht sich bemerkbar, daß die ausländischen Investoren mehr Wertpapiere zurückgeben, als sie derzeit zu kaufen bereit sind. Damit sind den Zinssenkungen am Kapitalmarkt Grenzen gesetzt.

Gegen eine bevorstehende Aktienhausse spricht, daß die meisten Unternehmensberichte für das erste Halbjahr 1994 zwar recht günstig ausfielen, aber bei den Aktienkursen meist nur einen bescheidenen Eindruck hinterlassen haben. Denn der Anstieg der Unternehmensgewinne blieb vielfach im Rahmen der hochgespannten Erwartungen. Das war besonders bei den Unternehmen der Großchemie zu merken.

Den Großchemiewerten und den Autoaktien ist freilich in dieser Woche der festere Dollar-Kurs zugute gekommen. Die zuletzt etwas angeschlagenen Autoaktien haben zudem davon profitiert, daß der Verband der Automobilindustrie eine günstige Absatzprognose für das zweite Halbjahr 1994 veröffentlicht hat. Der Pessimismus, den VW-Chef Ferdinand Piech verbreitet hatte, scheint sich als ein Problem des Volkswagenwerks zu entpuppen. Gleichwohl hat die VW-Aktie am Anstieg der Fahrzeugaktien voll teilgenommen.

Auch die in diesem Jahr eher schwachen Bankaktien sind wieder im Kommen. Selbst die Papiere der von vielen Seiten geprügelten Deutschen Bank konnten zeitweise an einem Tag zweistellig zulegen. Und noch gelten Bankaktien längst nicht als ausgereizt – auch wenn die Geldhäuser ihre Gewinne vorerst kaum steigern werden. K. W.