Von Steven Dickman

Die Gewinnung befruchtungsfähiger menschlicher Eizellen bildete bisher eine der größten Hürden in der Reproduktionsmedizin. Das Verfahren ist diffizil, zeitraubend und für die Eispenderin oft belastend. Nun zeichnet sich ab, daß diese Hürde binnen weniger Jahre fallen könnte. Den Ärzten stünden dann (tiefgefrorene) Eizellen fast so einfach zur Verfügung wie Sperma. Für kinderlose Paare wäre dies ein erheblicher Fortschritt, für die Manipulierbarkeit menschlicher Fortpflanzung allerdings auch.

Die neue Entwicklung verläuft auf zwei Wegen. Erstens gewinnt dank einiger Tricks ein australischer Forscher menschliche Eizellen wesentlich einfacher als bisher – und verringert zusätzlich die Belastung und Risiken für die Eispenderin. Zweitens perfektionieren Wissenschaftler in Großbritannien und den Vereinigten Staaten die Tiefkühlkonservierung von Eizellen und Eierstockgewebe.

Mehrere Faktoren erschweren den Reproduktionsmedizinern die Arbeit. So erfolgt die Eireifung langsam, ohne erkennbare äußere Signale. Und ein fein abgestimmtes Wechselspiel von Hormonen läßt aus dem Vorrat von über 200 000 Keimzellen, die ein junges Mädchen in seinen Eierstöcken trägt, normalerweise nur eine Zelle pro Menstruationszyklus heranreifen. Auf diese, jeweils nur für kurze Zeit befruchtungsfähigen Eier sind die Doktoren aus. Doch weil ihnen die Suche nach natürlich gereiften Eizellen zu mühsam ist, behandeln sie die Frauen vor einer In-vitro-Fertilisation (IVF) mit Hormonen. Dadurch steigt der Ertrag wertvoller Eier bis auf ein Dutzend, je nach Dosierung der Hormone, die keineswegs frei von Nebenwirkungen sind.

Falls die neue, australische Technik hält, was sie verspricht, könnten die Ärzte künftig bei der Eigewinnung auf Hormongaben verzichten. Das Verfahren, das Alan Trounson, Leiter des Zentrums für frühe menschliche Entwicklung an der Monash University in Clayton bei Melbourne entwickelt hat, erlaubt den Zugriff auf Eier in einem frühen Reifestadium. Wie Trounson in der Augustausgabe des Fachblattes Fertility & Sterility schreibt, konnte er erstmals teilreife Eizellen in größerer Zahl aus den Eierstöcken einer Frau entnehmen. Er ließ diese Zellen dann ein bis zwei Tage weiter reifen, befruchtete sie dann und übertrug einen der entstandenen Embryonen zurück in den Schoß der Frau. Sie gebar im Januar dieses Jahres einen Knaben.

Das Auffinden der teilreifen Eier ist alles andere als einfach. Gegen Ende seiner Reifung schwimmt das menschliche Ei in einem Follikel, einer kleinen Brutkammer von etwa 1,5 Zentimeter Durchmesser im Ovar. Üblicherweise wird es dann aus dem Follikel mittels einer Sonde abgesaugt, die vaginal eingeführt und mit einer Ultraschallkamera zum Ziel gelenkt wird. Trounson hatte eine wesentlich schwierigere Aufgabe. Er mußte unreife Eier in winzigen Primärfollikeln von nur zwei bis drei Millimeter Durchmesser aufspüren. Er nutzte hierzu die beste Ultraschalltechnik – und übte vorher monatelang an Kühen, die etwa genauso große Eizellen aufweisen.

Trounson ist nicht der erste Forscher, der einem Kind mit einem im Reagenzglas nachgereiften Ei ins Leben verholfen hat. Bereits 1991 entnahmen K.Y. Cha und seine Kollegen vom Cha-Frauenhospital im südkoreanischen Seoul aus dem herausoperierten Eierstock einer tumorkranken Frau fünf Eier, befruchteten diese und pflanzten sie einer Ersatzmutter ein. Sie brachte Drillinge zur Welt. Cha hatte es einfacher als Trounson, denn er konnte die winzigen, halbreifen Eizellen in aller Ruhe im Labor ausfindig machen. Die Tatsache, daß weder Cha noch andere Forscher einen ähnlichen Erfolg wiederholen konnten, läßt die Schwierigkeiten des Verfahrens erahnen.