Von Theo Sommer

Der 31. August 1994 ist ein epochales Datum. Er markiert einen tiefen Einschnitt in der deutschen, aber auch in der europäischen Geschichte: Die Russen sind fort. Und sie, die vor einem halben Jahrhundert als Befreier, als Besatzer, als Unterdrücker kamen, haben sich als Freunde verabschiedet. Jetzt erst ist der Zweite Weltkrieg wirklich zu Ende gegangen.

Fünfundvierzig Jahre lang war die Rote Armee der Garant der Moskauer Zwingherrschaft über Osteuropa, darin eingeschlossen Ostdeutschland – eine drückende, drohende Präsenz, verschanzt hinter kilometerlangen Kasernenmauern und allzeit bereit: schußbereit, wenn es dem Kreml um die Wahrung seiner imperialen Interessen und die Erhaltung der kommunistischen Diktaturen ging, und, wie es schien, oft genug auch angriffsbereit, um den eigenen Herrschaftsbereich nach Westen auszudehnen. Das alles ist nun vorbei.

Das „Reich des Bösen“ existiert nicht mehr. Sein politisches Knochengerüst, der Warschauer Pakt, hat sich 1991 aufgelöst; sein militärisches Unterfutter, Moskaus Streitkräfte, taugt nicht mehr als Drillich einer kontinentalen Zwangsjacke. Nacheinander hat Moskau seine Truppen aus Ungarn, der früheren Tschechoslowakei und Polen abgezogen. Fristgerecht zum 31. August sind nun auch die baltischen Republiken geräumt worden.

Zwar stehen russische Truppen noch in Belarus, der Ukraine, dem Kaukasus und Zentralasien, doch nicht mehr mit hegemonialem Sicherungsauftrag. Man muß dreihundert Jahre in der Geschichte zurückgehen, um auf der europäischen Landkarte ein Rußland zu finden, dessen politische und militärische Grenze (sieht man von dem zwischen Ostsee, Litauen und Polen eingeklemmten nördlichen Ostpreußen ab) so weit im Osten liegt wie die heutige.

Vor allen Dingen: Deutschland, dessen östlicher Teil fast ein halbes Jahrhundert Heerlager, Aufmarschgebiet und potentieller Rammbock der Sowjets gegen den Westen war, beherbergt keine russischen Truppen mehr. Moskau hat Wort gehalten und die Reste seiner Westgruppen pünktlich zum vereinbarten Termin abgezogen. Nach der Abschiedsparade dieser Woche ist die Berlin-Brigade prompt Richtung Osten verladen worden.

Binnen vier Jahren haben die Russen planmäßig 550 000 Menschen nach Hause geschafft, darunter 364 000 Soldaten, außerdem 75 000 Fahrzeuge und Flugzeuge, dazu 677 000 Tonnen Munition. Dem Bund übergaben sie 1026 Liegenschaften, insgesamt 243 000 Hektar. Die historische Bedeutung dieser gewaltigen Räumungsaktion liegt darin, daß sie nicht „Auf Wiedersehen“ gesagt haben, sondern „Lebewohl“.