Von Sabine Rückert, Kuno Kruse und Michael Sontheimer

Es sollte eine ganz große Sache werden. Ein Zeichen für den Wähler und die Welt: Deutschland hilft. Tausende Deutsche sind bereit, auf eigene Kosten und ohne Sonderurlaub loszuziehen und anzupacken. Alte und Junge, Männer und Frauen, Professoren und Krankenschwestern, Ossis und Wessis, getragen vom Gemeinsinn und der Solidarität mit den hungernden, kranken Schwarzen.

Die Idee stammte von Klaus Nöldner, Chef der Hilfsorganisation Care Deutschland. Mit einem „Großeinsatz“ deutscher Ärzte, Studenten und Schwestern, die alle gemeinsam „losmarschieren“, wollte er den Armen und Elenden im Flüchtlingslager Goma aufhelfen. Doch die Aktion wurde zur Blamage. Die Vorbereitung hatte sich auf Aufruf und Medienrummel beschränkt.

„Da tanzte in Afrika eine Folkloregruppe zur Begrüßung, aber Infusionsnadeln waren nicht da“, schimpft der Arzt Martin Dambowy, einer der 266 eingeflogenen Helfer. Er hatte nach ein paar Tagen die Nase voll. Alles mögliche Unwichtige hatte man in den Medikamentenkisten gefunden: Beruhigungsmittel wie Mogadan und Valium, auch Presomen, ein Hormonpräperat zur Behandlung „fliegender Hitze“ in den Wechseljahren.

„Glaubt ja nicht, daß hier irgend jemand auf euch gewartet hätte“, hatte gleich ein Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks zu den Ankömmlingen gesagt. Und so war es auch. „Hundert sollten wieder nach Hause gehen“, rief Karl-Heinz Metzner, der Care-Einsatzleiter laut übers Megaphon. In einer alten Schule untergebracht, schwärmten die Freiwilligen aus, um noch das Beste aus der Lage zu machen. Manche schlossen sich anderen Organisationen an, wie den Médecins Sans Frontières, oder dem American Refugees Committee, die schon lange da waren. Auch mit Material halfen die anderen aus. Zum Beispiel mit Serum gegen Meningitis, mit dem sich die Deutschen erst einmal selbst impften.

Aus Protest flogen die ersten bald zurück. Wie der Stuttgarter Arzt Johannes Linder: „Ich habe – mich einfach geschämt.“ Deutsche Krankenhausstandards hatte er nicht erwartet, „aber Menschen mit hohem Wasserverlust durch Cholera brauchen in Afrika die gleichen Elektrolyte wie in – Deutschland“. Doch er fand weder Natriumlaktat noch Calciumchloridlösungen für die Infusionen. WHO-Standards bei der Antibiotikabehandlung zur Vermeidung von Resistenzen waren unbekannt. „Die Aktion war verantwortungslos“.

Als am Wochenende der Rest der ersten Truppe zurückkehrte, fiel das vernichtende Gesamturteil: Statt der Impfstoffe war das Bier gekühlt worden, es gab keine Landkarten und kein Geld für Benzin, der Amateur-Funk reichte nur wenige hundert Meter weit und ein nur zufällig mitgereister Hobbybastler brachte die eilig mit Care-Emblemen bepinselten Schrottautos in Gang. „Und der erste medizinische Einsatz“, schrieben die Helfer in einer gemeinsamen Erklärung, „war ein Showeinsatz für die Presse.“