Von Marco Finetti

Kriegerisch, so kennen wir sie, die alten Römer. Auf Kampf, Gewalt und die Macht ihrer Legionen bauten sie ein Weltreich. Als Soldat fremde Länder zu erobern oder die Heimat gegen Angreifer zu verteidigen war dem jungen Römer Herzenssache. Im Kampf gegen die Feinde sein Leben zu verlieren wurde Inbegriff römischer Tugend schlechthin: „Dulce et decorum est, pro patria mori“, so formulierte es kurz vor Christi Geburt der Dichter Horaz. Und so lernten es nicht nur die Römer selber, sondern Jahrhundert für Jahrhundert auch die nachfolgenden Generationen aus Geschichts- und Lateinbüchern.

Doch die historische Wahrheit ist oft vertrackter, als es geflügelte Worte ahnen lassen. Nur dauert es, wie auch in diesem Fall, mitunter sehr lange, ehe sie ans Licht kommt. Zwei Jahrtausende nach Horaz rüttelt nun ein Altertumsforscher an dem scheinbar festgefügten Bild: Lothar Wierschowski, Privatdozent und Oberassistent am Historischen Seminar der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg. Seine Forschungsergebnisse faßte er jüngst in seiner Antrittsvorlesung zusammen. Längst nicht alle jungen Römer empfanden es als süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. „Statt dessen“, so Wierschowski, „standen sehr viele Männer im wehrfähigen Alter den offiziell eingeforderten kriegerischen Tugenden distanziert gegenüber.“

Und es blieb nicht bei innerer Distanz. Tausende Römer, darunter auch bereits aktive Soldaten, versuchten mit allen Mitteln, dem Kriegsdienst zu entgehen: Sie verstümmelten sich selber an Händen oder Füßen, verkleideten sich als Sklaven – denen nach römischem Kodex nicht die Ehre zustand, für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben desertierten aus der Armee oder wählten als letzten Ausweg den Freitod.

Die Grausamkeit des Krieges, unmenschliche Vorgesetzte, lange Dienstzeiten fern von Familie und Heimat, Demoralisierung und die Einsicht in die Sinnlosigkeit des Heldentodes waren nach Ansicht Wierschowskis die wichtigsten Gründe für dieses Phänomen. Der Oldenburger Historiker nennt das griffig und nicht ohne Sinn für den Publikumsgeschmack eine „Kriegsdienstverweigerung im Römischen Kaiserreich“.

Mit diesem Thema bewegt sich der 41jährige Wissenschaftler nicht zum ersten Mal auf ungewöhnlichen Pfaden abseits der gängigen Forschungsgebiete: Anfang der achtziger Jahre untersuchte er in seiner Dissertation die (bis heute von der deutschen Altertumskunde noch nicht überall als Thema akzeptierten) ökonomischen Aspekte des römischen Heerwesens. In seiner Habilitationsschrift dann rekonstruierte er regionale Wanderbewegungen im kaiserzeitlichen Gallien; sein Habilitationsvortrag vergangenes Jahr befaßte sich unter dem Oberthema „Demographie – Ein Schlüssel zur Geschichte?“ auch mit der „Abtreibung in der Antike“.

Vor allem eines war all diesen Forschungsprojekten bislang gemeinsam: die mühselige und äußerst zeitaufwendige Suche nach Quellen. Denn bei entlegenen und von der bisherigen Forschung fast gänzlich übergangenen Themen versagen mitunter auch die bewährtesten Hilfsmittel der Altertumsforscher und Altphilologen. Zwar sind nahezu alle bekannten schriftlichen Quellen der Antike inzwischen ediert und in voluminösen Registern nach Stichworten erschlossen. Und auch das mühsame Blättern in den dickleibigen Bänden gehört mittlerweile der Vergangenheit an, denn, wie Wierschowski erklärt, „selbst die Antike gibt es inzwischen auf CD-ROM“.