Von Mario Müller

August Schäfer ist mit den Nerven ziemlich am Ende. Daß ihn Händler und Makler im Saal der Frankfurter Wertpapierbörse lieber gehen als kommen sehen, daran hatte sich der 55jährige Beamte längst gewöhnt. Doch was er mittlerweile bei seinen Besuchen auf dem größten deutschen Handelsplatz für Aktien und Rentenwerte erleben muß, macht ihm sichtlich zu schaffen. Die Antipathie hat sich zu Haß ausgewachsen. Schäfer versucht dennoch, die Contenance zu wahren. Als "Mobbing auf höchstem Niveau" umschreibt er die Angriffe, die ihn unterhalb der Gürtellinie treffen sollen.

Die Atmosphäre ist vergiftet, seit bekannt wurde, daß sich Schäfer für die demnächst freiwerdende Stelle eines amtlichen Kursmaklers für den Devisenhandel beworben hat. Dieser Entschluß schlug im Börsensaal wie eine Bombe ein. Denn bei dem Kandidaten handelt es sich nicht um irgendeinen Bewerber. Schäfer bekleidet vielmehr die Position des 2. Staatskommissars an der Frankfurter Wertpapierbörse, das heißt, er beaufsichtigt im Auftrag des hessischen Wirtschaftsministers die auf dem Parkett tätigen Makler. Daß der Kontrolleur ein Kollege werden will, empfinden viele Mitglieder der Zunft als pure Provokation. Sie sprechen Schäfer jegliche Qualifikation für das wichtige Amt ab, monieren, daß er aufgrund seiner derzeitigen Funktion über Insider-Informationen verfüge, die er künftig zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen könne.

Diese Gründe sind allerdings nur vorgeschoben. Die Ursachen für die Empörung liegen tiefer. Erstens hat sich Schäfer durch die furchtlose Aufdeckung einer ganzen Reihe von Skandalen und Mißständen im Wertpapiergeschäft sowohl bei Maklern als auch bei Bankern viele Feinde geschaffen, die nur darauf warten, dem mißliebigen Aufseher eins auswischen zu können. Und zweitens stellt er mit seiner kühnen Kandidatur das althergebrachte System der Bestellung von amtlichen Kursmaklern in Frage.

Bis vor wenigen Jahren herrschte an der Frankfurter Börse ein frühkapitalistischer Zustand. Die Akteure, Bankenhändler und Makler, konnten schalten und walten, wie sie wollten. Nicht wenige nutzten die Freiräume schamlos aus, um sich mit dubiosen Geschäften zu bereichern. Von Aufsicht, die diesen Namen verdient, weit und breit keine Spur: Die freiwillige Selbstkontrolle, die die Börse angeblich betrieb, und die zuständige Staatsaufsicht befanden sich, so ein erfahrener Marktteilnehmer, "im Tiefschlaf".

Erst zu Beginn diese Jahrzehnts kam Bewegung in die Szene. Nachdem eine Gesetzesänderung die Aufsicht über die Makler verschärft hatte, konnte das hessische Wirtschaftsministerium das Gewerbe erstmals genauer unter die Lupe nehmen. Der Blick in die Bilanzen dürfte die Beamten ziemlich geschockt haben, mußten sie doch feststellen, daß Makler in einem Monat locker mehr Geld verdienen als sie im ganzen Jahr.

Einer der Prüfer, August Schäfer, stieß bei der Durchsicht der Bücher auf eine besonders interessante Einnahmequelle. Viele Makler besserten ihr Einkommen kräftig mit dem sogenannten Dividenden-Stripping auf. Bei diesen Geschäften verkaufen Aktienbesitzer, die hierzulande nicht steuerpflichtig sind, also etwa gemeinnützige Einrichtungen und vor allem Ausländer, kurz vor dem Termin der Dividendenzahlung ihre Anteilscheine an einen inländischen Partner, der die zusätzlich zur Dividende gezahlte Gutschrift über die Körperschaftssteuer bei seiner Steuererklärung absetzen kann. Anschließend kauft der ursprüngliche Besitzer die Aktien zu einem niedrigeren Kurs wieder zurück, und beide Parteien teilen sich den Gewinn auf Kosten der Staatskasse. Dies gilt zwar nicht als (strafbare) Steuerhinterziehung, aber immerhin als Gestaltungsmißbrauch, wie das Bundesfinanzministerium bereits Ende der siebziger Jahre feststellte.