Von Thomas Rahn

Havanna

Vierzehn Stockwerke hat der Wohnblock in der Straße Factor, und nicht weniger als drei „Komitees zur Verteidigung der Revolution“ sollen hier für Ruhe und Ordnung sorgen. Die Mitglieder des Komitees, kurz CDR genannt, sind wachsam. Die Revolution, die sie seit 35 Jahren verteidigen, ist ernsthaft in Gefahr, seit es vor einem Monat in der Altstadt von Havanna zum ersten Mal seit 1959 zu Demonstrationen gegen Fidel Castro kam. Nach nur zwei Stunden war der Aufruhr der „Fünften Kolonne des Feindes“ niedergeschlagen.

In den Neubauwohnungen der Calle Factor, weitab vom Ort der Unruhen, hat das CDR Nummer 1, Zone 72, jetzt für alle Nachbarn sichtbar ein Pappschild aufgehängt: „Immer feste und ohne Samthandschuhe, mit Knüppeln und mit Steinen!“ Daneben klebt eine Monatsübersicht, in die alle Mitglieder des Komitees eintragen, ob sie den ihnen zugeteilten Wachdienst korrekt abgeleistet haben. Und auch für die Menschen, die in den vergangenen Wochen zu Tausenden auf notdürftig zusammengebastelten Flößen von der sozialistischen Insel flohen, hält das CDR eine resolute Antwort parat: „Wer gehen will, der soll doch abhauen!“ heißt es auf dem Kartonschild in der Eingangshalle, wo alle Bewohner auf den Fahrstuhl warten müssen. So einfach ist das. Dem Besucher aus Deutschland klingt das „Geh doch rüber“ noch vertraut in den Ohren.

Doch auch in Kuba haben sich die Zeiten geändert. „Als 1980 mit einem Schlag 125 000 Kubaner das Land verließen, gab es hier sehr heftige Reaktionen gegen sie“, bilanziert Julio Carranza Valdes, Vizedirektor des Zentrums für Amerika-Studien in Havanna, den letzten großen Exodus. „Heute erscheint es den Leuten ganz natürlich, daß so viele emigrieren. Und im Grunde wollen viel mehr fort als nur jene, die jetzt auf Flöße steigen.“ Denn anders als vor vierzehn Jahren steckt Kuba in einer Krise, die keine Hoffnung zuläßt. „Wir haben keine Sicherheit“, formuliert das der Ökonom Carranza Valdes vorsichtig, „daß die Situation 1995 oder 1996 besser sein wird.“

Das Revolutionskomitee in der Calle Factor mag zwar noch wie einst gegen die Vaterlandsverräter zu Felde ziehen, aber sein Rückhalt in der Bevölkerung bröckelt. Und auch in den politischen Kreisen äußert man sich über die Massenflucht inzwischen betont zurückhaltend. So druckte die Zeitung der staatlichen Gewerkschaften, Trabajadores, auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsdramas einen Leitartikel, der für die kommende Zuckerrohrernte höhere Erträge forderte. Erst auf der letzten Seite befaßte man sich mit den Flüchtlingen, verurteilte die balseros aber nicht, sondern warb mit bemerkenswerter Bescheidenheit für ihr Dableiben: „Es sei betont, daß wir nicht mehr von jener edlen Selbstlosigkeit reden, sich für ein kollektives Projekt aufzuopfern“, heißt es da im Gegensatz zu all den heroischen Parolen, die das Stadtbild von Havanna schmücken. Und weiter, fast im Stile eines Hirtenbriefs: „Ich rede einzig und allein von der Absage, weiter in dem Land zu leben, in dem man geboren wurde, in dem die Familie und die Freunde zurückbleiben und in dem sie vielleicht Deine Anwesenheit und Deine Energie mehr brauchen als jede Geldüberweisung aus dem Ausland.“

Ganz so leise Töne wie die Gewerkschaftszeitung schlägt Fidel Castro freilich nicht an. Aber auch der Mäximo Lider ließ bei seiner zweieinhalbstündigen Rede im kubanischen Fernsehen kein abfälliges Wort über die Flüchtlinge fallen. Ganz im Gegenteil: Emigration aus armen in reiche Länder sei nichts Ungewöhnliches und gebe es überall. Er habe, versicherte Kubas Comandante treuherzig, mit der Freigabe der Flucht in keiner Weise den amerikanischen Präsidenten Clinton politisch unter Druck setzen wollen. Aber kein Land in Südamerika verfolge schließlich seine Bürger, bloß weil sie emigrieren wollen.