ROSBACH. – Das eine Photo zeigt den Mann, der 1879 in einem kleinen Dorf an der Sieg eine Synagoge errichtete: Moses Seligmann. Das zweite zeigt den Ururenkel mit gleichem Namen: den zweijährigen Moses Seligmann, 1938 aufgenommen, kurz bevor er in einem Konzentrationslager starb. Zwei Leben einer jüdischen Gemeinde in Windeck-Rosbach, rund sechzig Kilometer von Bonn entfernt. Seit vergangenem Sonntag sind die Photos dort in einer Gedenkstätte zu sehen, die im Beisein von Ignatz Bubis feierlich eröffnet wurde.

Sechs Jahre lang dauerte es, bis aus dem Projekt einer Ausstellung über jüdisches Leben an Rhein und Sieg eine Gedenkstätte wurde; für rund eine Million Mark entstand aus dem Fachwerkhaus der Familie Seligmann ein in der Bundesrepublik einzigartiges Museum: einzigartig deshalb, weil das Schicksal jüdischer Bürger auf dem Land in Deutschland kaum erforscht ist. Einer, der dies zu ändern versuchte, ist der Kreisarchivdirektor Heinrich Linn, dem Rosbach seine Gedenkstätte verdankt. Er hat alles zusammengetragen, was eine einst blühende ländliche Gemeinschaft ausgemacht hat: die Einrichtung der Werkstatt von Altwarenhändler Max Seligmann, der das Rosbacher Fachwerkhaus 1917 kaufte, die religiösen Kultgegenstände eines Schabatraums. Ferner zahlreiche Dokumente und Photographien von der ersten namentlichen Nennung eines Juden an der Sieg im 13. Jahrhundert bis hin zu den Zeugnissen der nationalsozialistischen Vernichtung und dem Thoraschrein der ersten, provisorischen Bonner Synagoge nach dem Krieg. „Landjuden an der Sieg“ hat der Archivar die Gedenkstätte genannt, in der die Familie Seligmann einen Ehrenplatz einnimmt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten im Siegtal mehrere hundert Juden in ihren Gemeinden, von denen heute – bis auf einige Friedhöfe und eben jenes Haus – nichts übriggeblieben ist. Hilde Seligmann, die 76jährige Schwiegertochter jenes Altwarenhändlers, hat das Haus dem Rhein-Sieg-Kreis überlassen. Viele der Exponate, die in den kleinen Zimmern ausgestellt sind, stammen von ihr: Briefe und Postkarten, Alltagsgegenstände, Photographien, auf denen sie Freunde und Nachbarn benennen kann. In anderen Museen und Archiven existieren lange Namenslisten von Juden, die deportiert worden sind – in Rosbach liegen neben den Kennkarten und Listen für die Transporte nach Dachau oder Litzmannstadt die zu den Namen gehörenden Paßphotos, aus dem Nachlaß eines hiesigen Photographen stammend. Jedes Opfer des Holocaust erhält plötzlich ein Gesicht. „Hinter jedem Namen steht ein Mensch“, zitiert Ignatz Bubis nach seinem Rundgang durch die Räume den zentralen Satz aus der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, sichtlich bewegt.

Daß „der Jude ein Fremder ist“, sagt Bubis, das glaube immer noch die große Mehrheit hierzulande. Bilder von brennenden Synagogen aus dem Umkreis sind in der Gedenkstätte zu sehen sowie das spottende Photo eines Karnevalszuges aus dem Nachbarort Eitorf von 1939, das katholische Bauern mit Transparenten zeigt: „Der Itzig geh., und nie mehr kommt er wieder!“ Einen Tag nach der Pogromnacht im November 1938 wurde Max Seligmann von seinen Nachbarn durch Rosbaci getrieben, auch das ist dokumentiert. Von Bauern, die ihn seit Jahrzehnten kannten. Später wurde auch er weggebracht. Aus einem Konzentrationslager hatte die „Witwe Hanna Seligmann“ nach Hause geschrieben und damit verschlüsselt den Tod ihres Mannes mitgeteilt. Die Schrift ist von den Tränen der Empfängerin verwischt.

Siebzig Prozent aller Juden konzentrieren sich heute in nur sechs Gemeinden in sechs Großstädten. „Es gibt kein Landjudentum mehr“, stellt Bu- bis fest. André Schäfer