Von Fredy Gsteiger

Paris

Wer in Frankreich nur nach der Macht und nicht hin und wieder auch zur Feder greift, hat es schwer im Kampf ums höchste Amt im Staat. Das hat im Frühsommer Jacques Chirac eingesehen und flugs ein Buch verfaßt. Es trägt den Untertitel „Überlegungen I“, droht also bereits an, daß demnächst wohl ein Folgeband erscheinen wird. Chiracs Werk ist freilich dünn – an Seiten wie an Inhalten. Dank reichlicher Publizität verhalf es dem Bürgermeister von Paris gleichwohl zum trefflichen Auftakt seiner Präsidentschaftskampagne. So konnte Jacques Chirac beruhigt als Favorit für die Nachfolge von François Mitterrand in Urlaub fahren.

Ähnlich frohgemut verließ auch Ministerpräsident Edouard Balladur das schwüle Paris – nachdem er sich noch kurz im Erfolg „seiner“ Truppen in Ruanda gesonnt sowie die jüngsten Wirtschaftsprognosen verbreitet hatte, die Frankreich ein Ende der Krise prophezeien; ungebrochen hoch lag daher Balladurs Popularität, als er gen Chamonix entschwand. Und da sich im August bekanntlich halb Frankreich in Deauville, Biarritz oder Saint-Tropez die Sonne auf den Bauch scheinen läßt und somit das politische Leben ruht, durfte sich auch der Regierungschef auf eine Rückkehr nach Paris in bester Ausgangslage für die Präsidentschaftswahl freuen. Denn Präsident will natürlich auch er werden, selbst wenn er unablässig beteuert, er habe keine Zeit, sich „zu dieser Frage“ zu äußern, „denn ich muß regieren“.

Aus den beiden Gaullisten Chirac und Balladur, den „Freunden seit dreißig Jahren“, wie süffisant betont wird, sind also mittlerweile erbitterte Feinde geworden. Doch welcher der beiden hat dieser Tage die Nase vom? Die Frage ist entscheidend. Denn jetzt wird die Rentrée, die „Rückkehr“, zelebriert, jenes alljährlich stattfindende Ritual, das für Franzosen mindestens so bedeutsam ist wie für Deutsche Weihnachten und Neujahr zusammen. Der Urlaub ist zu Ende, die Schulen öffnen ihre Pforten, die Theatervorhänge gehen auf, die Ministerien verwalten, und die Arbeiter streiken wieder. Allein: Der Mann der Stunde heißt weder Chirac noch Balladur, sondern Charles Pasqua. So erfolgreich sich die beiden zum Sommerbeginn in Startposition gebracht hatten, so behende hat ihnen der Innenminister, der „oberste Flic des Landes“, zur Rentrée die Schau gestohlen.

Charles Pasqua war nicht im Urlaub. „Der Minister arbeitet“, tönte es den ganzen Sommer lang bedeutungsschwanger aus seinem feudalen Amtssitz, dem Palais Beauvau. Nachdem islamistische Fanatiker in Algerien fünf Franzosen umbrachten und drohten, Frankreich mit ihrem Terror zu überziehen, ließ Pasqua wochenlang und landesweit Großrazzien durchführen. Zur Zerschlagung terroristischer Netze trugen die Aktionen zwar kaum bei, vielmehr trafen sie hauptsächlich harmlose Menschen dunkler Hautfarbe. Aber in der Öffentlichkeit vermochte sich Pasqua als unerschrockener Verteidiger der Interessen und der Sicherheit Frankreichs darzustellen.

Der zweite Sprung in der Beliebtheitsskala gelang dem ehemaligen Pastis-Verkäufer korsischer Herkunft, als der berüchtigte Terrorist Carlos im Sudan verhaftet und nach Paris überführt wurde. Pasqua tat so, als sei die fette Beute einzig ihm zu verdanken. Quasi als Nachschlag ging ihm vorige Woche auch noch eine baskische Terroristin, „die Tigerin“, ins Netz. Längst regiert Pasqua nicht mehr nur über Polizei und Geheimdienste. Seit seinem Amtsantritt ist ihm auch die Raumplanung zugeordnet. Das klingt technisch, birgt jedoch Macht. Wer hier die Fäden zieht, kontrolliert umfangreiche Budgetposten und gilt als „Architekt des Frankreichs von morgen“. Die Raumplanung gewährt Möglichkeiten, politische Loyalitäten zu erkaufen und ein starkes Einflußnetz zu knüpfen. Während des Hochsommers lief also Pasquas politische Einmannshow, und er gebärdete sich simultan als Premier-, Verteidigungs-, Außen-, Sozial- und Justizminister. Die eigentlichen Amtsinhaber schmollten, doch sie blieben in ihren Ferienresidenzen und wollten es nicht mit dem ebenso hemdsärmligen wie listigen Pasqua aufnehmen.