Von Wolfgang Hoffmann

Bonn

Die hochgespielten Schmuggelaffären um waffenfähiges Plutonium röchen ihm nach Inszenierung, hatte SPD-Bundesgeschäftsführer Günter Verheugen mit Blick auf den allmählich heißeren Wahlkampf geäußert und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. "Ungeheuerlich, reine Polemik", fand Staatsminister Bernd Schmidbauer, während der Kanzler nur gelassen spottete. Denn daß Verheugen etwas ohne Anhaltspunkte sage, "das ist so bei ihm", meinte Helmut Kohl und schmunzelte.

Mittlerweile hat sich der wahlkampfbedingte Plutonium-Nebel gelichtet. Dazu hatte schon die Bemerkung des innenpolitischen Sprechers der SPD-Fraktion, Wilfried Penner, beigetragen. Mit dem Satz "Jeder wählt seine Vokabeln so, wie er sie für richtig hält" brachte Penner Verheugens Vorwurf von der Inszenierung beschwichtigend vom Tisch.

Inszeniert war der Plutoniumschmuggel keineswegs. Es ist unstrittig, daß die seit zwei, drei Jahren vermuteten und befürchteten Gefahren des Mißbrauchs von vagabundierendem Nuklearmaterial durch den versuchten Plutoniumschmuggel eine neue Qualität bekommen haben. Gleichwohl ist es keine besonders böswillige Unterstellung, daß dieser Vorfall der Bundesregierung eine willkommene Gelegenheit bietet, sich im Wahlkampf durch entschlossenes Handeln zu profilieren. Das ist parteiübergreifend so üblich.

Dennoch bleiben Fragen; zum Beispiel, warum Bonn sich erst jetzt ernsthaft darum bemüht, mit Rußland gemeinsame Vorkehrungen zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Nuklearmaterial zu treffen. Das hätte früher geschehen können. Über 300 Fälle sind in den letzten Jahren europaweit bekanntgeworden.

Internationale Experten warnen schon seit Ende der achtziger Jahre vor den potentiellen Gefahren, die sich aus dem Mißbrauch von Spaltmaterial aus zivilen wie militärischen Anlagen ergeben können. Gefahren, die mit der Verminderung und Verschrottung von Atomwaffen der Kernwaffenstaaten und dem Umbruch in Rußland noch gewachsen sind.