Gute Nacht, Tilly. Hier ist der Teddy, der paßt auf dich auf und beschützt dich in der Nacht“, beruhigt die bleistiftzarte Mutter und läßt Tilly mit ihrem Kuschelteddy allein. Gute Nacht. Eine schneehelle Dunkelheit draußen vor dem Haus. Ein kleiner Punkt, der immer größer wird, sich nähert, schließlich das Fenster verfinstert. Zwölf kleine Bilder auf der ersten Seite, fast identische Einstellungen von Tilly, Teddy, vom Bett und Fenster, bis sich ganz unten im letzten Bild rechts eine weiße Tatze unter dem Rahmen durchschiebt und – Umblättern! – ein riesiger weißer Kopf – seitenfüllend – das Buchformat sprengt: „Der Bär“.

Es könnte eine alte Geschichte sein. Das Tier, das nur vom Kind gesehen wird. Die Eltern nicken, ja, ja, wir spielen mit und hören gar nicht so recht zu. Na klar, wohnt in deinem Zimmer ein Eisbär, wie geht’s ihm denn heute? Und wir sind auch – pssst – ganz leise, damit wir ihn nicht stören, sonst frißt er uns womöglich!

Es ist die alte Geschichte, und doch ist sie anders. Bedrohlich, greifbar, gefährlich. Die Eltern ahnen nicht, wie nahe sie dem Schrecken sind. Dem Autor Raymond Briggs ist – obwohl er nicht zu den handwerklich Brillanten des Zeichenstifts zählt – etwas Seltenes gelungen: die papierene Welt des Bilderbuchs in physisch fühlbare Realität zu verwandeln.

Da spürt man das Gewicht dieses Eisbärs, wenn er das Mädchen ungewollt fast zu erdrücken droht, diese Masse, die beinahe das Kinderzimmer sprengt, diese ungeheure Größe, wenn er, unbemerkt hinter dem Wohnzimmersofa stehend, Vater und Tochter meterhoch überragt.

Das machen zum einen: die feine Schraffur und die warmen Töne der Buntstifte im Gegensatz zu dem alles bedeckenden weißen Körper des Bären. Zum anderen: die comicgleichen Sequenzen, die, kleinformatig beginnend, zwischen Detail und Naheinstellung wechselnd, sich verdichten, bis dann plötzlich die Klimax im – bisweilen – doppelseitigem Riesenbild erfolgt. Und zum dritten und vor allem: der Schrecken der Normalität, der bei Briggs immer hinter der Phantasie lauert.

1993 war es „Der Mann“, ein zwergenhafter Eindringling (in einem der widersprüchlichsten und eindringlichsten Bilderbücher des Jahres), der einen kleinen Jungen zu den Verhaltensschablonen und Sprachfloskeln der Erwachsenen, zum Rollentausch, zwingt.

Nun ist es „Der Bär“, den Tilly, unbeeindruckt von dessen Ausmaßen, zu erziehen versucht, mit dem sie schimpft, den sie streichelt, schubst, lobt, ihm droht und befiehlt: „Setz dich ordentlich hin! Paß gefälligst auf! Ich hasse dich! Mach das bloß nie wieder!“