Der Hamburger Publizist Wolfgang Plat hat sich vorwiegend auf zwei Themenbereiche spezialisiert: auf das Zeitalter der Aufklärung und der Französischen Revolution und auf die deutsch-polnischen Beziehungen. In seinem aufsehenerregenden Buch „Deutsche Träume oder die Schrecken der Freiheit“ und in seinem Fernsehfilm „Ein Freiheitsbaum in Deutschland“ würdigte er die Leistungen der radikalen Demokraten der Revolutionsepoche, die die politischen Errungenschaften der französischen Jakobiner auf Deutschland übertragen wollten; sein Taschenbuch „Deutsche und Polen“ plädierte für Verbesserung und Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Völkern und erteilte der nationalistischen Geschichtsinterpretation der Vertriebenenverbände eine entschiedene Absage.

Plats neues Buch verbindet seine beiden Hauptanliegen miteinander, indem es den aus Danzig gebürtigen Künstler Daniel Chodowiecki (1726 bis 1801) in den Mittelpunkt rückt. Dieser bedeutendste und berühmteste Kupferstecher des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der seit seinem siebzehnten Lebensjahr in Berlin lebte, war Weltbürger und Europäer, kannte weder sozialen noch nationalen Dünkel und stellte seine Kunst in den Dienst der Aufklärung, Volkserziehung und Völkerfreundschaft. Er illustrierte Werke von Shakespeare, Cervantes, Voltaire und Pestalozzi ebenso wie von Goethe, Schiller, Lessing, Klopstock, Wieland und Lichtenberg; er lieferte sowohl Radierungen zum „Elementarwerk“ des Aufklärungspädagogen Johann Bernhard Basedow, der die Zöglinge des Dessauer Philanthropins zu Toleranz und Vernunftmoral erzog, als auch zum Buch des Hamburger Sozialutopisten Franz Heinrich Ziegenhagen, „Lehre zum richtigen Verhältnisse zu den Schöpfungswerken und die durch öffentliche Einführung derselben allein zu bewirkende allgemeine Menschenbeglückung“. In seinen letzten vier Lebensjahren fungierte Chodowiecki als Direktor der Akademie der bildenden Künste in Berlin.

Nach einem Aufenthalt von dreißig Jahren in der preußischen Metropole begab sich Chodowiecki im Sommer 1773 zu Pferde in seine zum Königreich Polen gehörende Heimatstadt Danzig, um seine Mutter und seine beiden Schwestern zu besuchen. Frucht dieser etwa 500 Kilometer langen Reise, die ihn durch Brandenburg, Hinterpommern, Westpreußen und die Kaschubei führte, war eine Bildreportage der besuchten Orte und der Personen, mit denen er zusammentraf. Von besonderer Bedeutung ist, daß der Künstler das deutsche und das polnische Erscheinungsbild des damaligen Danzig für die Nachwelt fixiert hat – zwanzig Jahre bevor die Stadt in der zweiten polnischen Teilung 1793 an Preußen fiel. Chodowieckis Tagebuch, aus dem Plat aufschlußreiche Passagen zitiert, berichtet sowohl von den Strapazen der Reise als auch vom Elend der hörigen und leibeigenen Bauern.

Wolfgang Plat hat 1993 dieselbe Strecke im Auto zurückgelegt und alle Orte photographiert, die Chodowiecki 220 Jahre zuvor berührte. Er besuchte auch die mittelalterliche Marienburg des polenfeindlichen Deutschen Ordens, die nach 1945 wieder aufgebaut wurde, und das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig, wo im Weltkrieg über 65 000 Häftlinge den Märtyrertod starben.

Plat bemüht sich, den Kontrast und die Ähnlichkeiten zwischen dem Danzig der Aufklärungs- und Rokokoepoche und dem Danzig von heute darzustellen. Die im Weltkrieg fast zerstörte Stadt wurde während der kommunistischen Herrschaft unter Wahrung ihrer Identität und ihres früheren Stadtbildes wieder aufgebaut. Plat interviewte einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die zwar die heutigen Schwierigkeiten Polens nicht verschwiegen, aber im großen und ganzen ein optimistisches Zukunftsbild zeichneten. Die Qualität der in Polen erzeugten Waren des täglichen Bedarfs ist gut; die Wirtschaft orientiert sich auf „einen riesenhaften unerschlossenen Markt im Osten“. Aber nicht nur im Wirtschaftsbereich fand Plat positive Anzeichen; er gibt auch seiner Genugtuung über das Solidarność-Denkmal Ausdruck, das zur Erinnerung an die 1980 bei der Demonstration in Danzig getöteten Arbeiter errichtet wurde, und er schreibt: „In Westdeutschland wurde Philipp Müller 1952 bei einer Friedensdemonstration erschossen, 1967 Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen Diktatur und Krieg, ein Jahr später wird Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verwundet, und er stirbt 1979 an den Spätfolgen dieser schrecklichen Tat. Kein Denkmal erinnert an die drei.“

Es ist zu hoffen, daß Plats informatives und reich illustriertes Buch viele Leser findet.

Walter Grab