Von Bartholomäus Grill

Die Arbeitnehmer der Supermarktkette Pick’n Pay fingen an, die Bergleute, der öffentliche Dienst und die Arbeiter bei Volkswagen, Mercedes und anderen Autofirmen zogen nach. Seit Anfang August überzieht eine Streikwelle das neue Südafrika. Je härter die Fronten im Arbeitskampf werden, desto düsterer fallen die Kommentare aus – fast so, als sei die jüngste Demokratie der Welt nach drei Monaten schon wieder einsturzgefährdet.

In der zweiten Streikwoche ließ sich sogar der Präsident von der Alarmstimmung in den Medien anstecken. Manche tun sich schwer mit "dem Wechsel vom Widerstand zum Wiederaufbau", sagte Nelson Mandela. Solche Untertöne schmecken den Gewerkschaftsführern nicht. Denn erstens kämpfen sie dafür, daß es den Arbeitern im neuen Südafrika ein bißchen bessergeht. Und zweitens spricht man mit Bundesbrüdern nicht so. Der Gewerkschaftsdachverband Cosatu war schließlich der wichtigste Verbündete des African National Congress (ANC) im Wahlkampf.

Der alten Elite, die die Macht seit der "Jahrhundertwahl" mit dem ANC teilen muß, merkt man die Schadenfreude über diesen Konflikt an. Einerseits wird der ANC lautstark an all die Versprechen erinnert, die er vor der Wahl gemacht hat; andererseits kann er das ehrgeizige Recontructions and Development Programme (RDP), den Plan zum Wiederaufbau, nur erfüllen, wenn der Arbeitsfrieden gewahrt wird. Wer will schon in einem Land investieren, das auf unsicheren Beinen steht und auch noch durch Massenstreiks erschüttert wird? Mandela und seine Mitstreiter befinden sich in einer Zwickmühle – und reagieren nervös.

Den Gewerkschaften geht es nicht nur um höhere, sondern vor allem um gleiche Löhne von schwarzen und weißen Arbeitern. Wichtiger noch und in der allgemeinen Aufregung übersehen: Sie stellen Forderungen, die industriepolitisch so unumstritten sind, daß sich sogar manche Unternehmer dafür erwärmen – sie fordern eine bessere Ausbildung und die Modernisierung ihrer Betriebe, um einen Platz auf dem Weltmarkt erobern zu können. Denn mit der Produktivität steht es in Südafrika nicht zum besten, das Land liegt im globalen Vergleich im unteren Drittel.

Trotz dieser Gemeinsamkeiten im Großen geht es in den Details hart gegeneinander. Die Streithähne in der Autobranche können sich nicht einigen, obwohl sie nur ein halber Prozentpunkt trennt. Die Gewerkschaften wollten 15 Prozent mehr Lohn und gingen auf 10,5 Prozent herunter; die Arbeitgeber boten 9 Prozent und ließen ab 10 Prozent nicht mehr mit sich reden. Einen solchen Abschluß aber können die Funktionäre in den Betrieben nicht verkaufen, nachdem sie schon erheblich stärker nachgegeben haben als die Arbeitgeber. Legt man den Durchschnittslohn eines Industriearbeiters von 1500 Rand, also rund 660 Mark, zugrunde, so geht es um 3,30 Mark pro Monat!

Handelt es sich also doch um ein Kräftemessen mit der vom ANC geführten Regierung? Natürlich wollen die Gewerkschaften Flagge zeigen, aber das haben sie auch vor der Wende getan. Sie waren die einzigen Massenorganisationen der Schwarzen, die das Apartheidregime nicht gebannt hatte. Außerdem sitzt eine halbe Hundertschaft ehemaliger Cosatu-Funktionäre für den ANC im Parlament, das die Anliegen der Arbeiter unterstützt.