Von Ralf Neubauer

Sie kamen bei Nacht und Nebel und vertrieben die Gutsherren und Großbauern unter demütigenden Umständen aus ihren Häusern. So mancher „Junker“, wie die deutschen Erfüllungsgehilfen der Sowjets ihre Enteignungsopfer nannten, starb in einem Internierungslager. Wer überlebte, durfte nicht einmal seine bewegliche Habe behalten und mußte seinen Heimatkreis verlassen.

Mehr als 13 000 ostdeutsche Großagrarier fielen den sowjetischen Konfiskationen zwischen September 1945 und Oktober 1949 zum Opfer. Als die Außenminister der vier Besatzungsmächte den Plan einer Bodenreform für ganz Deutschland am 12. April 1947 billigten, war diese in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bereits weitgehend abgeschlossen. Alle Eigentümer, die mehr als hundert Hektar besaßen, verloren ihr Land. Ebenso wurden führende Nationalsozialisten und andere „Kriegsverbrecher“ entschädigungslos enteignet. Im Visier hatten die Kommunisten vor allem den ostelbischen Landadel, obwohl dieser den Nazis zumeist kritisch bis ablehnend gegenübergestanden hatte.

Heute, fast genau 45 Jahre nach Abschluß der Enteignungen, schlägt die sogenannte Bodenreform noch immer Wellen. Und es ist ausgerechnet ein ehemaliger sowjetischer Staats- und Parteichef, der den Erben der Enteignungsopfer Hoffnung macht, ihren früheren Besitz zurückzuerhalten. Michail Gorbatschow schrieb dem britischen Historiker Norman Stone, der Bestand der Bodenreform sei für ihn keine Vorbedingung für die deutsche Einheit gewesen. Gorbatschow stellt damit ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 1991 in Frage, das die sowjetischen Enteignungen sanktioniert hatte. Zugleich schürt er den erbitterten deutsch-deutschen Eigentumsstreit, der seit dem Fall der Mauer tobt. Denn es hätte in der Tatweitreichende Konsequenzen, sollten die Konfiskationen in letzter Minute doch noch rückgängig gemacht werden.

Insgesamt enteignete die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) etwa drei Millionen Hektar Agrarland, was etwa der halben landwirtschaftlichen Nutzfläche im heutigen Ostdeutschland entspricht. Aus dem so geschaffenen Bodenfonds erhielten Landarbeiter, Ostvertriebene, landarme Bauern und Pächter Flächen. Insgesamt wurden rund 2,2 Millionen Hektar verteilt. Die Zahl der bäuerlichen Betriebe, die vor dem Krieg auf dem Gebiet der DDR bei etwa 570 000 gelegen hatte, stieg auf fast 800 000 an.

Diese Besitzverhältnisse konnten keinen Bestand haben. Zum einen erschwerte die Vielzahl kleiner und mittlerer Betriebe den planerischen Zugriff auf die Landwirtschaft. Zum anderen entsprach das Ergebnis der Bodenreform nicht der marxistisch-leninistischen Ideologie. Deren agrarpolitisches Leitbild war der kollektive Großbetrieb. Die Landwirte wurden daher in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) gepreßt. Sie blieben aber Eigentümer der Flächen, die sie aus dem Bodenfonds erhalten hatten. Ihre Erben sind es bis heute.

Im Einigungsvertrag kamen die beiden deutschen Staaten nämlich überein, daß an den Anfang der fünfziger Jahre entstandenen Besitzverhältnissen in der Landwirtschaft nicht gerüttelt werden sollte. Aus gutem Grund. Denn die Rückgabe der Flächen an die alten Eigentümer hätte mit einiger Sicherheit zu einem Bauernaufstand in den neuen Bundesländern geführt. Für die letzte DDR-Regierung unter Lothar de Maizière war der Bestand der sogenannten Bodenreform denn auch ein „absoluter Minimalkompromiß“.