Was ist das? Sieht aus wie Hieroglyphen, tanzt übers Papier wie Noten, ballt sich zu schwarzen Strichhaufen wie abstrakte Zeichnungen, ähnelt einer Gymnastikanleitung und schmückt in dieser Woche unsere Literaturseiten.

Es sind Schriftproben, Aufzeichnungen und Zeichensysteme einer Kunstgattung, die normalerweise nicht verschriftlicht wird. Es sind Tanzschriften. Die Tanzschriften der Choreographen gehorchen keiner Regel, sie kennen kein Alphabet, keine Grammatik und keine Tonart. Die Tanzschrift ist die freieste Schrift der Welt, und keiner außer dem Tanzschreiber kann genau sagen, was sie eigentlich bezeichnet. Die Schritte auf dem Boden oder die Bewegung des Körpers? Den Ausdruck der Gefühle oder der Knie? Die Intensität einer Bewegungsfolge oder die Anzahl der Drehungen?

Bisher ist jeder Versuch, die Tanzschrift zu vereinheitlichen, gescheitert. Einer der ersten Tanzschrift-Erfinder war Raoul-Auger Feuillet. Sein Buch aus dem Jahr 1699 hieß „Choreographie oder die Kunst, den Tanz mit Hilfe demonstrativer Zeichen und charakteristischer Figuren zu beschreiben“, es sollte eine universale Tanzschrift begründen. Das Problem, wie eine flüchtige Bewegung auf dem Papier festgehalten und für jedermann dechiffrierbar werden soll, konnte seine Grammatik der Tanzschritte auch nicht lösen. Viele haben dem Tanzschrift-Erfinder Feuillet seitdem nachgeeifert. Einer der bekanntesten war Rudolf von Laban, der 1928 seinen „Schrifttanz“ publizierte. Dennoch ist es bis heute bei den Privat-Tanzsprachen geblieben, die wir in einem einzigartigen Tanzschrift-Buch aus Paris entdeckt haben: „Traces of Dance“, „Danses Tracees“, Skizzen und Zeichnungen von Choreographen; Editions Dis Voir; 3, rue Beautreillis, 75004 Paris, 158 S., 220 bzw. 240 FF. ira