N 3, Dienstag, 6. September, 17.30 Uhr: „Wiederbegegnung mit uns selbst oder: Deutsch-deutsche Legenden, Teil I: Die Teilung“

Was da so harmlos fünfteilig daherkommt, als gelte es wirklich nur, beim nostalgischen Nachmittagskränzchen im nationalen Familienalbum zu blättern, hat es in sich. Was der Hamburger Journalist Bernd C. Hesslein da in jahrelanger Sucharbeit aus den Wochen- und Tagesschauen der alten Bundesrepublik und der verflossenen DDR zusammengetragen hat, ist ein Legendenkiller erster Güte. Assistiert von der mecklenburgischen Publizistin und Theologin Regine Marquardt, will er uns in den Wochen vor der Bundestagswahl aus einer „Gegenwart, die mit Abwickeln befaßt ist“, hinausführen in die Vergangenheit, wo – im Osten wie im Westen des geteilten Vaterlandes – die Ursachen dessen lagen, was dem geeinten Volk heute so viel Kummer bereitet.

Und siehe: Im Zusammenschnitt entdecken wir unverhofft Gemeinsamkeiten, selbst noch im Gegeneinander. Worte und Gesten, die wir damals übersehen und überhört haben, sind mit einem Mal von untergründiger Symbolik. Berühmte Politiker erscheinen nun weniger groß, da wir die Kaltschnäuzigkeit ihrer Argumentation, die Hohlheit ihrer Phrasen, die Verlogenheit ihrer Versprechungen erkennen. Wieviel Feindschaft und Haß sich im kalten Bürgerkrieg der vierziger und fünfziger Jahre aufbaute, belegt eine schrecklich aggressive Rede des Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter. Drei Jahre nach den Goebbels-Tiraden und der alliierten Siegesparade deklamiert er fast gleichlautende Durchhalteparolen. Berlin ist wieder Frontstadt, und ihr beliebtestes Kabarett sind die „Insulaner“.

Manches an dieser Wiederbegegnung wäre noch unerträglicher, hätte sich der Kommentator nicht des Stilmittels der Satire bedient. Da war es nur konsequent, den Kabarettisten Henning Venzke als Sprecher zu heuern, der auch noch die ärgsten polemischen Wahrheiten mit ironischem Unterton weitergibt. Und nach jeder Halbstundensendung bleibt noch lange das Schäkern von Giora Feldmans Klarinette im Ohr.

Bisweilen läßt Hesslein nur die Bilder sprechen. Da darf denn, im Schlußteil über fünf Jahre Wiedervereinigung, der CDU-Bürgermeister von Bischofferode nach einem Besuch im Bundeskanzleramt ungeschützt verkünden, daß sich die Interessen des Großkapitals durchgesetzt haben.

Ja, darf denn überhaupt eine öffentlichrechtliche Anstalt (wird da der eine oder andere entsetzt fragen, der sich längst an den ausgewogenen Einheitsbrei politischer Sendungen gewöhnt hat) eine zeitgeschichtliche Filmdokumentation so unausgeglichen präsentieren? Ist nicht der Zwischentitel „Beitritt, Anschluß oder was?“ eine provozierende Frechheit, wo doch als ausgemacht gilt, wer der Sieger der Geschichte ist?

Nicht nur was schlecht und böse war auf beiden Seiten, kommt ins Bild, sondern auch die Leistungen und Errungenschaften, auf die alle heute noch stolz sein dürfen, auch wenn von der DDR nur der grüne Pfeil und das Sandmännchen überlebt haben. Mehrmals tritt das Heidelberger Studentenkabarett „Das Bügelbrett“ auf. Schon 1963 sah es voraus, daß nach dem Fall der Mauer die geistige Mauer, an der beide Staaten arbeiteten, in zehn Jahren noch nicht abgetragen sein wird. Diese Filmserie könnte die Zeit etwas verkürzen. Karl-Heinz Janßen