Von Hans-Joachim Neubauer

Der Schlag war sorgfältig gezielt, und er saß. Der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn wird seinen Augen nicht getraut haben, als er das las: Öffentlich forderte ihn der junge Theologe Johann Caspar Lavater auf, die „Beweise für das Christentum“ von Charles Bonnet zu widerlegen. Andernfalls solle er die Konsequenzen ziehen, welche die Vernunft gebot, das heißt sich taufen lassen. Eine ungeheure Provokation! Plötzlich waren die Grenzen der Aufklärung markiert, und nur ungern nahm Mendelssohn die Herausforderung an. Gegen Lavater reklamierte er die Einheit von Judentum und Vernunft. Von Gott offenbart, könne das Zeremonialgesetz nur von Gott aufgelöst werden und sei deshalb unantastbar. Außerdem verwahrte er sich gegen jede Proselytenmacherei. So entschied er in Stil und Argument den Streit für sich, doch blieb die Frage bestehen, wie sich die religiöse Identität der Juden zu ihrer bürgerlichen verhalten sollte. War das Judentum „nur“ eine Religion? Waren die Juden ein Volk?

Über die Antworten auf diese Fragen schreibt der amerikanische Judaist und Historiker Michael A. Meyer. Er konzentriert sich auf die Zeit zwischen 1749 und 1824, die Epoche der großen Namen: Henriette Herz, Rahel Lewin-Varnhagen, David Friedländer, Ludwig Börne und Heinrich Heine. Die von Mendelssohn behauptete Synthese von Judentum und Vernunft, die „natürliche Religion“, konnten sie nicht nachvollziehen. Das zeigte sich schon bald. Sein Schüler Friedländer und dessen Altersgenossen „waren eher bereit, das Gesetz als die Emanzipation aufzugeben“. Ihre Zielvorstellung: der preußische Bürger jüdischer Konfession. Wie prekär ihnen die eigene Geschichte geworden war, spiegelte ihre Sprache wider: Statt vom Juden sprach manjetzt vom „Israeliten“ oder vom „Anhänger des alttestamentarischen Glaubens“ und meinte ernsthaft, so dem historischen Stigma entgehen zu können.

Friedländers demonstrativer Bruch mit der jüdischen Tradition war zugleich ein Signal nach innen. Es ging auch um die Führungsrolle in der jüdischen Gemeinde: In einem nur mehr konfessionell begriffenen Judentum wäre der universale Vertretungsanspruch der Rabbiner dahin. Friedländer bekannte Farbe: In seinen nach protestantischem Vorbild „gereinigten“ Reformgottesdiensten versuchte er, seine Vorstellungen von jüdischer Liturgie umzusetzen. Das provozierte und irritierte, ebenso wie sein Vorschlag, pro forma zum Christentum überzutreten, ohne dessen Glaubensinhalte übernehmen zu wollen. Bei der christlichen Geistlichkeit jedenfalls fand sein Angebot, gleiche bürgerliche Rechte im Tausch gegen ein Lippenbekenntnis zu erhalten, kein Gehör. Längst standen die Zeichen der Zeit anders, und im Berlin der Romantik war Friedländer mit seinem rationalistischen Deismus bald schon ein „lebendes Relikt“ aus dem Jahrhundert der Aufklärung.

Den Ton gaben jetzt die jüdischen Salonnièren aus reichem oder prominentem Hause an. Im romantischen Milieu wurde ihnen ihr Judentum zunehmend zum Problem, und sie waren schließlich bereit, das billet d’entrée in die bürgerliche Gesellschaft zu lösen. Sie ließen sich taufen.

Andere versuchten an ihrem Judentum festzuhalten und es zu reformieren. Die innere Erneuerung sollte der äußeren vorausgehen. Deutschsprachige Gottesdienste, deutsche Predigten und Orgelmusik zeigten den Abstand zur Orthodoxie. Doch die weltliche Bildung forderte ihren Preis. Ohne eine religiöse Erziehung fanden viele weder im Judentum eine Heimat noch ein Zuhause in christlicher Gesellschaft. Allzu leicht, warnte ein Pädagoge, verliere der Jude der Zeit seine Wurzeln und sei dann in jeder Umgebung „ein zweideutiges Wesen, überall unseliges Mittelding“.

Als die Judenfeinde nach dem Wiener Kongreß immer ungenierter auftraten, fragten sich mehr und mehr Juden: Sollten sie dem wachsenden Druck nachgeben und sich und ihre Kinder taufen lassen? Wie auch immer man hierüber entschied, der romantische Frühantisemitismus beschränkte sich längst nicht mehr auf die ungetauften Juden. Im Gegenteil: „Je mehr die Juden verwestlichten, desto mehr Haß schlug ihnen entgegen.“ Innerlich zersplittert, ohne Orientierung und unter bürokratischen Schikanen zunehmend leidend, befand sich das deutsche Judentum nach 1815 in einer trostlosen Lage. Beunruhigt durch die Hepphepp-Pogrome von 1819 kam in Berlin ein Kreis junger jüdischer Intellektueller zusammen. Akademisch gebildet, waren sie dem neuen Ideal des 19. Jahrhunderts verpflichtet, der Wissenschaft. Ihre Objektivität sollte als Medium der Selbsterkenntnis dienen, sollte helfen, „das alte Brauchbare, das veraltete Schädliche, das neue Wünsehenswerte zu kennen und zu sondern“ – so schrieb Leopold Zunz. Neben Eduard Gans und Moses Moser war er die treibende Kraft des Zirkels, aus dem dann der „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“ hervorging.