Am liebsten würde man immerfort zitieren. Zum Beispiel: „Für die weitere deutsch-deutsche Entwicklung (ist es) wichtig, auch die Möglichkeit einer Entwicklung freiheitlicher Alternativen zu Gestaltungsformen und Institutionen offenzuhalten, wie sie in der Bundesrepublik entstanden sind.“ So Kurt Biedenkopf im Revolutionsherbst 1989. Dann: „Wir versuchen zur Zeit, mit dem Denken von gestern die Wirklichkeit von morgen zu gestalten.“ So der sächsische Ministerpräsident Biedenkopf viereinhalb Jahre später, in diesem Frühjahr. Selbstverständliche Einsichten? Leider nicht.

In der Mitte zwischen Revolutionsherbst und Gegenwart, im März 1992, findet sich als Parole für ein ganzes Kapitel sogar die Aufforderung: „Die Revolution muß ganz Deutschland erfassen!“ Der Professor für intellektuelle Unruhe in der CDU, fast eine Solorolle, ist kein Jakobiner. Aber er hat die unangenehme Eigenschaft, seine Themen und Thesen hartnäckig zu verfechten. Über fünf Jahre hinweg ändert sich an ihnen nichts. Das ist implizit der hauptsächliche Befund angesichts seines jüngsten Buches. Ein schlimmer Befund.

Wäre auch die deutsche Einheit ein Ansatz für weitreichende Erneuerungen (gewesen), weit über die Einheit hinaus? Für Biedenkopf steht das, besonders auch in seinem Staatsamt, außer Frage. Schon in zwei anderen Büchern, nämlich von der „Neuen Sicht der Dinge“ und den „Zeitsignalen“, hat er die fatale Illusion vorgeführt, ständiges Wirtschaftswachstum gleichsam als Lebenselixier der Demokratie zu betrachten und in der Ausdehnung des Materiellen überhaupt samt der Ökonomisierung aller Verhältnisse den Lebenssinn zu sehen.

Haben solche Einsichten also schon am Anfang des Einheitsprozesses gestanden, so sind sie nun auch das Leitmotiv für diesen Sammelband, der Ansprachen, Vorträge, Reden, einige Entwürfe und Artikel der letzten fünf Jahre vereint. Gelegentlich wünschte man sich jene Einsichten enger und im einzelnen auf den Gesamtprozeß bezogen. Aber Biedenkopf läßt keine Zweifel daran, daß die langfristigen politischen und wirtschaftlichen Belastungen, die nicht nur mit der Einheit, sondern vor allem auch mit der Rückkehr des Ostens nach Europa verbunden sein werden, sich nicht mit dem kleinen Einmaleins des prosperierenden Sozialstaats und in einer auf den je eigenen Vorteil bedachten individualistischen Gesellschaft bewältigen lassen. Übrigens auch nicht mit jenem Nationalbewußtsein, dem Biedenkopfs Parteifreund Schäuble das Wort redet: „Es gibt keine emotionalen Abkürzungen, die uns den mühsamen Weg einer nüchternen und praktischen Erledigung unserer politischen Aufgaben im geeinten Deutschland ersparen könnten.“ Ein vernichtender Satz.

Auch an der Spitze einer politischen Exekutive hat der Ministerpräsident Biedenkopf wenig von seiner vorwärtsdrängenden, mitunter ungeduldigen Art verloren. Das schließt nicht aus, daß er sich, wie in seiner Antrittsvorlesung als weiland Gastprofessor an der Leipziger Universität, auch tastend und behutsam voranbewegt. Immer aber kömmt er unverzüglich zur Sache. Als Regierungschef des Freistaates Sachsen erlebt er, der so oft zwischen Theorie und Praxis pendelte und beides übereinzubringen versuchte, seine größte Herausforderung. Und eine späte, schöne Identität: An zwei Stellen spricht er von „wir im Osten“ und „unseren Bedürfnissen“. Der geborene Ossi, der sich dann als Wessi einen Namen machte, ist wieder zum Ossi geworden. Carl-Christian Kaiser