Noch kein Jahr ist es her, daß amerikanische Forscher die Öffentlichkeit schockierten, weil sie aus menschlichen Embryonen durch einfache Zellspaltung genetisch identische Kopien erzeugt hatten. Das Gespenst des Klonens ging um. Die nächste erregte Debatte in Amerika wird um die Nutzung menschlicher Embryonen und fötaler Gewebe für die medizinische Forschung geführt werden und am 27. September beginnen. An diesem Tag wird ein Beraterstab der angesehenen Nationalen Gesundheitsinstitute (National Institutes of Health, NIH) seine Vorschläge für Art und Umfang staatlich finanzierter Experimente mit menschlichen Embryonen veröffentlichen. Die NIH, die größte medizinische Forschungseinrichtung der Welt, wollen nach anderthalb Jahrzehnten der Abstinenz wieder Forschung an Embryonen betreiben.

Laut Science werden besonders zwei Empfehlungen Entrüstung auslösen. Erstens sollen Forschungsmittel fließen für Experimente mit Embryonen, die nicht eingepflanzt wurden. Überschüssiger „Embryo-Vorrat“ wird normalerweise weggeworfen. Er könnte künftig der Forschung dienen, und zwar maximal bis achtzehn Tage nach der Befruchtung. Zweitens würden auch Experimente mit Embryonen erlaubt, die mit gespendeten Ei- und Samenzellen nur für Forschungszwecke in vitro geschaffen werden. Der Vorteil: Solche Embryonen tragen keine anomalen Züge, weil sie nicht von Menschen mit Zeugungs- oder Empfängnisproblemen stammen. Keiner der beforschten Embryonen dürfte anschließend in einer Schwangerschaft ausgetragen werden.

Steven Muller, Vorsitzender des NIH-Beraterstabes, betont, daß sich die Vorschläge und der Arbeitsbericht seines Stabes kaum von dem unterscheiden, was international üblich ist, insbesondere in Großbritannien, Kanada und Australien.

Für die zahlreichen Gegner jeder Forschung an menschlichen Embryonen ist das freilich kein Argument. Richard Doerflinger, einer der Direktoren der Konferenz der Katholischen Bischöfe Amerikas, verurteilte schon vorab das ganze Unterfangen und erklärte, im geltenden Recht gebe es keinen Anhaltspunkt dafür, daß der Embryo außerhalb des Mutterleibes weniger Schutz genieße als der ungeborene Fötus. Mithin gebe es für „nichttherapeutische Experimente an einem lebenden Embryo keine Legitimation“. Ihm lag daran, von den moralischen Problemen der Embryonenforschung die Verbindung zur Abtreibungsdebatte zu knüpfen. Mit ihr hatte nämlich das Dilemma der amerikanischen Embryonenforschung begonnen. Ihr wurden von den republikanischen Präsidenten Reagan und Bush alle staatlichen Mittel gestrichen.

Angesichts des wachsenden internationalen Forschungseifers und großer Hoffnungen auf therapeutische Erfolge durch Transplantation von fötalem Gewebe für die Krebsbehandlung, Parkinson, Alzheimer und viele andere Leiden drängten die NIH immer wieder, die Forschung erneut aufzunehmen. Doch der Bann, im Fachjargon ein Moratorium für Embryonenforschung, blieb und wurde 1989 unter Präsident Bush sogar bekräftigt, angeblich weil sonst die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche sogar steige. Durch Hinweise auf therapeutische Hilfen für andere Menschen würden die Frauen in ihrer Abtreibungsentscheidung unzulässig beeinflußt. Schon ging das Zerrbild einer Frau um, die ihren Körper zur Ersatzteilefabrik degradiert und fötales Gewebe gegen Bezahlung liefert. Doch nur wenige Tage nach Antritt seiner Präsidentschaft im Januar 1993 hob Bill Clinton das Moratorium auf.

Nun wäre es freilich ein Irrtum, anzunehmen, es habe in all den Jahren des Moratoriums keine Embryonenforschung in den USA gegeben. Das Moratorium hat Wissenschaftler, die nicht auf Geld vom Staat angewiesen sind, kaum beeindruckt. Private Institute haben viele Mittel in die Entwicklung neuer Methoden gesteckt, um möglichst vielen Paaren den Kinderwunsch zu erfüllen. Dabei haben sich in Atlanta das Unternehmen Reproductive Biology Associates und in New York das Cornell Center for Reproductive Medicine einen Namen gemacht. Ob die privat finanzierte Forschung immer und überall erstklassig war, ist umstritten.

Mehr als hundert Forschungsprojekte im Bereich menschlicher Embryonen sind bei den NIH angemeldet worden, seit Präsident Clinton das Moratorium aufhob. Und noch viele Vorschläge werden folgen, da ist sich Steven Muller sicher, sobald die NIH Forschungsrichtlinien verabschieden – und der Kongreß nicht hereinredet. „Unser Stab hatte nicht die Stirn, zu behaupten, wir wüßten besser als andere Leute, was richtig und falsch ist“, sagt Steven Muller. „Aber wir waren aufgefordert, Empfehlungen zu geben, wie aus einem kontroversen Thema gute Politik entstehen könnte.“