Am Strand von Sylt stehen sich zwei mächtige Kräfte gegenüber: als Verteidiger deutschen Bodens der Bund und die Länder, die jährlich für viele Millionen Mark mit Schneidkopfsaugbaggern und mannsdicken Rohren Wattsand auf das Ufer spülen. Als Angreifer der Ozean und die Lüfte, die Jahr um Jahr die Flut ein paar Millimeter kräftiger in das Nordseebecken drücken. Wer wird siegen: die dumpfe Natur oder der deutsche Steuerzahler?

Die Fachpresse, jedenfalls das in Husum erscheinende Wattenmeer International, traut dem Atlantik inzwischen mehr zu als der Nation: „Ein geordneter Rückzug sollte in Erwägung gezogen werden“, heißt es in einem Beitrag der neuesten Ausgabe. Der Begriff „Küstenschutz“ müsse „neu definiert“ werden, es sei „wissenschaftlich und technisch wesentlich günstiger, die jetzt vorhandene zweite Deichlinie auszubauen und die erste nach und nach aufzugeben“.

Von den Inseln ist da gar nicht mehr die Rede. Und Sylt hat ja auch kaum Deich, sondern zumeist nur die hübschen Dünen, in denen es sich bei Buhne 16 und Faktor 15 so schön dösen läßt.

Wer aus seinem Sonnenbad in Kampen von solcher Vision aufgeschreckt wird, mag sich zu einer Rundfahrt entschließen, um sich vom Stand der Dinge ein Bild zu verschaffen. In einem soliden Mobil der S-Klasse (20 Liter auf 100 Kilometer) kann das gemütliche Stop and Go auf den Inselstraßen die gereizten Nerven rasch beruhigen. Wird nicht überall immer noch gebaut? Das sieht nicht nach Untergang aus. Wie sinnlos, dieses Gerede von der Klimakatastrophe, dem Ansteigen des Meeresspiegels, den sich häufenden Sturmfluten ...

In Hörnum weist der Zeitgenosse lächelnd aus dem heruntergelassenen Seitenfenster zur Bundeswehrkaserne hinüber: Die Truppe zieht ab, weil die Rote Flut nicht mehr droht. Die Kronberger Asklepios-Gruppe will in den Gebäuden nun ein Sanatorium einrichten. Ein Umbau für 80 Millionen, 150 Dauerarbeitsplätze, 300 Betten, Investitionslust dringt aus jeder Backsteinpore...

Das, sagt der Mann im rollenden Geldschrank, sei die Zukunft: nicht Panik verbreiten, sondern Risiken eingehen, um Chancen zu wahren. So werden wir den Standort Deutschland behaupten!

Triumphierend läßt er sein Panzerglas hochfahren, gibt Treibhausgas und entschwindet den Blicken. Einige Schwaden umfächeln für Sekunden den Backstein, bevor der Westwind sie der Ozonschicht zutreibt. Zurück bleibt die Kaserne, die auf einmal ganz verlassen aussieht.