Von Christoph Türcke

Was wir heute Tabu nennen, ist nicht mehr das, was das polynesische Wort „tabu“ einst meinte: das „Aus-Gezeichnete“, Besondere, das an bestimmten Personen, Dingen, Zuständen, Handlungen haftet, etwa am Schamanen, am Opfergerät, an der Menstruation, am Sexualkontakt mit den eigenen Kindern, Eltern, Geschwistern et cetera. Tabus sind die bloßliegenden Nervenpunkte eines Kollektivs, die man nicht antasten kann, ohne seine Gesamtordnung aus dem Lot zu bringen.

Ein echtes Tabu versteht sich von selbst. Nie ist es verabredet, begründet, gelehrt oder gar aufgeschrieben worden, und doch hat ein langer gemeinsamer Erfahrungsprozeß es einem Kollektiv so weit in Fleisch und Blut übergehen lassen, daß es gegen die, die es antasten, wie ein bedingter Reflex ausschlägt: sie ausstößt oder tötet, um wieder ins Lot zu kommen. Das „Rühr mich nicht an“ des Tabus ist der erste kategorische Imperativ der Menschheit.

Es ist, als hätten die von Tabus beherrschten Primitiven schon Nietzsches „Was sich erst beweisen lassen muß, ist wenig wert“ gekannt. Denn wo man anfängt, Gründe für ein Tabu zu suchen, anfangs Götter, später Argumente, da versteht es sich nicht mehr von selbst, da hat Denken schon jenen Erosionsprozeß eingeleitet, der schließlich kein Verbot, keine Sitte, keine Norm mehr in Ruhe und selbstverständlich sein läßt. Götter begannen ihre Karriere im menschlichen Denken denn auch als Gründe für Tabus („Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen et cetera, weil Gott es so will“), bedurften mit der Zeit selbst der Begründung („Wie kann Gott wollen, was er geschehen läßt?“) und ließen sich schließlich nicht einmal als zweifelsfrei existierend beweisen. Und selbst ihrem berühmtesten modernen Nachfahren, Kants kategorischem Imperativ, erging es nicht besser. Weit davon entfernt, sich von selbst zu verstehen, hat er, statt das menschliche Handeln zu begründen, vor allem Zweifel an seiner unbedingten Gültigkeit erregt.

Kurzum, echte, ursprüngliche Tabus gibt es nicht mehr; keines, das nicht schon durch den Wolf des Diskurses gedreht, das nicht schon mit Gründen durchlöchert wäre, dessen Löcher sich nicht mit Vorwänden gestopft fänden. In dieser ausgestopften Gestalt jedoch mit Argumenten mehr oder weniger geschickt präpariert und gefüttert, lebt das „Rühr mich nicht an“ der alten Tabus fort. Es schlägt nicht mehr so blind aus wie beim Naturvolk, das über den Abweichler, ohne zu überlegen, herfällt, denn der moderne Aufklärungsgeist hat es mit Wissen durchtrieben – damit aber auch befähigt, sich wider besseren Wissens zu erhalten. Das alte Kollektiv, das den Schwängerer seiner Mutter steinigte, war grausam; die moderne islamische Staatsmacht, die Liebespaare auspeitschen läßt, wenn sie sie bei Zärtlichkeiten ertappt, ist zynisch; sie weiß um die Unhaltbarkeit ihres Tabus, und es ist ihr wütendes Sichsträuben gegen dies Wissen, das ihr von Reflexion durchtriebenes Tabu nicht minder heftig ausschlagen läßt als einst die alten authentischen.

Weil moderne Tabus bis zur Selbstverleugnung mit Gedanken durchsetzt und gepolstert sind, ist unsicher geworden, wo denn nun wirklich die Nervenpunkte liegen, die dem, was ursprünglich Tabu hieß, noch am ähnlichsten sind. Zunächst einmal pflegt man bei Tabus an die der Sexualität zu denken. Nicht von ungefähr; in jedem Tabu steckt Unterdrückung von Triebregungen, die, ungehemmt herausgelassen, das, was ein Kollektiv als seine Lebensordnung, seinen Halt empfindet, bedrohen. Zu unreglementierter Lust gehört das vorbehaltlose Genießen, das weder Rücksicht nimmt noch kalkuliert, sich einer Sache, Person oder einem Geschehen widmet, hingibt, und im Fasziniert- und Erfülltsein davon sich selbst vergißt. Es kann vollkommen harmlos sein wie das Verzehren einer Frucht; es kann, wenn es sich einer Sache oder Person bemächtigt, die ihm nicht zusteht, spannungsgeladen sein oder im Austoben einer Rache destruktiv. Lust ist asozial-amoralisch in dreifachem Sinne: Sie kümmert sich nicht ums Sozialgefüge, sie bedroht es, und sie weist darüber hinaus; denn alle Lust „will Ewigkeit“ (Nietzsche), oder, wie Augustinus sagte: „Wohlgerüche, die kein Wind verweht“, „Speisen, deren keine Sattheit satt wird“, „ein Glück vereinter Liebe, dem ein Überdruß nicht folgt“.

Die ewige Seligkeit wäre ebenso ein amoralischer Zustand wie ihr äußerster Gegensatz, die totale Anarchie; beiden wäre gemeinsam, die Zwangsjacke aller Normen los zu sein. Die sexuellen Exzesse, die in antiken Tempeln die heilige Hochzeit von Himmel und Erde nachfeierten, atmeten etwas davon. Lust hat einen ebenso anarchischen wie mystischen Impuls. Keine Gesellschaft kann sie unreglementiert gewähren lassen; aber ebensowenig kann ihr irgendeine Genüge tun. Das Verhältnis der Gesellschaft zur individuellen Lust bleibt stets eins der Gewalt, selbst wenn sie die Triebe wie ein Gärtner beschneidet: nicht nur verstümmelnd, sondern auch kultivierend. Die Frage an jede Gesellschaft ist daher: Wieviel Lust ermöglicht sie, wieviel Lust erträgt sie?