Von Heinz Josef Herbort

Die Zeit liegt hinter mir, in der ich mich bemühte, die Musik zu bereichern; jetzt will ich sie konstruieren. Igor Strawinsky in der polnischen Muzyka, 1924

Der Schock ist gewaltig: Wer in die Salzburger Hofstallgasse einbiegt, reagiert mit einem „Um Himmels willen, was ist denn da passiert?“ Eingezäunt durch rotweiße Absperrungsstreifen, steht vor den mittleren bronzenen Eingangstüren des Festspielhauses ein mächtiger Hubkran, an seinem hoch ausgefahrenen Arm hängt eine umfangreiche Metallplatte, die von riesigen Stempeln gegen die Fassade gepreßt wird; auch der Sims unter der Fenstergalerie der ersten Etage ist auf einer Breite von gut zehn Metern mit sechzehn Balken abgestützt.

Was ist geschehen? Einstürzende Altbauten? Birst das Mauerwerk unter dem Druck des Bergmassivs oder wegen mangelhafter Baumaterialien in der Nachkriegsphase? Ist die oft beschriebene Ebbe in der Kasse so fatal, daß sogar wichtige Reparaturen nicht mehr vor der Saison ausgeführt werden konnten – oder der Schaden so beträchtlich, daß die Sanierungsmaßnahmen keinen Aufschub vertragen?

Drinnen im Großen Festspielhaus, im Foyer gleich hinter der Tür, fangen ebenfalls Stämme das Obergeschoß ab – aber wer genauer hinsieht, erkennt: Die Pfosten reichen nur bis eine Handbreit unter die Decke. Kulissenschwindel? Der riesige von seiner Borke befreite Ast schließlich, der im Zuschauerraum vom Rang bis fast in die Mitte nach vorn ragend auf einer schwarzen Stahlschiene schwebt – ähnelt er nicht eher einem Galgen als einer Stütze? Wer oder was wird daran aufgeknüpft werden? Jetzt gehen die Fragen doch wieder zurück zum Symbolismus draußen, zum Gerüst an der Fassade: Ist das Festspielhaus aus den Fugen geraten wegen der Opulenz im Innern? Wegen ständiger Programm-Dissense, Kompetenz-Rangeleien, Prestige-Querelen, Profil-Neurosen? Unter der Last der Kritik der Traditionalisten? Die Assoziationspresse beginnt ratternd zu stanzen. Dramaturgischer Scharfsinn hat sich wieder einmal mit provozierenden Einfällen als gesellschaftskritischer Nachhilfelehrer versucht. Man spürt die Absicht und ist (jetzt noch) nicht verstimmt. Doch sollen wir nicht getrost dem von Kalifornien ins Mutterland der Kultur einreisenden Regisseur-Jungstar Peter Sellars, der den heutigen Abend zu verantworten hat, sanft auf die Schulter klopfen: „Junge, wir haben das hier viel direkter, jeden Tag – You needn’t rub it in“?

Aber was, wenn auch nur einer der Rotstift-Schwinger, der Pseudokultur-Propagandisten, der stimmenjagenden Konjunktur-Herbeiredner oder kriegsverlängernden Konferenz-Polittouristen einen Anstoß bekommen haben sollte für die (ja auch reflexive) Frage, was denn wichtig sei und was auf dem Spiele stehe – vielleicht hat dann die Installation ja schon ihren Zweck erfüllt. Oder war sie nicht doch nur ein kleines „Moment mal!“ vor der Aufführung, nach deren Beginn sie ordnungspolizeilich korrekt wieder entfernt ist – ein theatralisches Versatzstück von beträchtlichem Aufwand, aber eher redundantem Wert?

Oder dies: Da traut sich ein mutiger Besucher in einer ausgefallenen Garderobe unter die Premierengäste – in breiten Streifen weiß, rot und braun gemustertes Jackett, farbig passendes Beinkleid, ein Hauch von spätem Courege. Ja, es scheint eine größere Gruppe anwesend zu sein, das Outfit begegnet in zahlreichen Varianten, wobei Rot und Weiß gegenüber dem Braun stets dominieren (muß man auch das dechiffrieren?). Spätestens beim Betreten des Zuschauerraums wird klar: Es waren Herren des Chores, die sich allmählich auf die Bühne begeben. Sie „gehören zu uns“, vertreten unsere Sache – oder umgekehrt: Was da auf der Bühne sich ereignen wird, ist auch unser Problem, handelt von unseren existentiellen Ängsten, geheimen Wünschen, verborgenen Sehnsüchten, uneingestandenen Verschuldungen. Ist es so?