Von Reiner Luyken

Am 1. August dieses Jahres kehrte Tolstoj heim. Er kam nicht in einer Trojka, sondern in einem hellgrauen Lada mit Moskauer Nummernschild. Auf der Rückablage lag ein Plastikfußball. Er stieg nicht im Herrenhaus von Jasnaja Poljana ab, sondern in Zimmer 51 im dritten Stock eines schmuddeligen Erholungsheims am Rande des Tolstojschen Landguts.

Der Heimkehrer hieß nicht Leo, sondern Wladimir Iljitsch. Wladimir Iljitsch Tolstoj ist ein Ururenkel des großen Tolstoj. Er hat feine Züge, dünnes, rotblondes Haar und eine samtige Gesichtshaut, über die ständig ein Hauch schüchterner Röte huscht. Das feine Gesicht steht in kuriosem Widerspruch zu der groben Automobiltechnik, mittels deren er jetzt allmorgendlich von seiner Unterkunft zur Arbeit fährt. Der Nachfahr des berühmten Grafen ist nicht als Herr auf das Landgut bei Tula zurückgekommen, sondern als der von Kulturminister Siderow ins Amt gehobene Direktor des Tolstoj-Museums, ein Statthalter der postsozialistischen Staatsbürokratie. Doch die Heimkehr Tolstojs ist das unumstößliche Symbol einer Kontinuität der Geschichte, die stärker ist als Revolutionen und Reformen.

Ganz im Sinne dialektischer Erkenntnis hatte die kommunistische Doktrin ein zwiespältiges Verhältnis zu Tolstoj. Lenin verfaßte einen Essay darüber, "Leo Tolstoj als Spiegel der Russischen Revolution". Einerseits repräsentierte der Graf die alte Ordnung, andererseits sprach er für das Volk und gegen den Klerus, wurde von der zaristischen Zensur unterdrückt. Nach der Oktoberrevolution zerstreuten die Nachfahren sich dennoch in alle Winde. Der Enkel Wladimir Iljitsch emigrierte in den zwanziger Jahren nach Belgrad und studierte Agrarwissenschaften. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stellte er einen Antrag auf Rückkehr in die Sowjetunion. Er hatte zwei Söhne. Einer der beiden, der Maler Oleg Tolstoj, hatte die letzten Kriegsjahre in Titos Partisanenarmee gekämpft. Das Gesuch wurde von Stalin persönlich entschieden. Geheimdienstchef Berija wollte die Heimkehrer nach Sibirien schicken. Stalin meinte, die Geschichte solle ihr Urteil fällen.

Wladimir Iljitsch wünschte sich, daß seine Enkel wieder in Rußland zur Welt kämen, "damit der Baum weiterwächst". Trotz einer glänzenden Ausbildung arbeitete er den Rest seiner Tage als Kolchosarbeiter in der Nähe von Moskau. Sein Enkel Wladimir Iljitsch kam in Rußland zur Welt. Er wurde 1962 in Moskau geboren. Als in der Schule die Werke seines Ururgroßvaters durchgenommen wurden, genierte er sich. Erst auf der Universität konnte er über Leo Tolstoj sprechen, ohne rot zu werden im Gesicht.

Die in alle Winde zerstreuten Tolstojs ließen die Kontakte untereinander nie abbrechen. Sie pflegten über alle Fronten des Kalten Krieges hinweg einen umfangreichen Briefverkehr. Vor drei Jahren trafen sie sich mehrere Tage in Jasnaja Poljana wieder. Der junge Wladimir Iljitsch war mittlerweile Redakteur bei der Studentenzeitschrift Meridian. Man zeigte den Tolstojs das schöne Landgut, das als Museum erhaltene Herrenhaus, die Ställe und Wälder und das wunderschön schlichte Grab des Dichters in einer schattigen Lichtung über einer kleinen Schlucht.

Aber es war nur die schöne Fassade. Erst hinterher bekamen sie Briefe von Mitarbeitern, die über Abholzungen und Landnahme für Datschasiedlungen und Hochhausbauten berichteten. Die Verwaltung sähe nur zu, wie das Areal, eigentlich ein Naturpark, von den Rändern her angefressen werde. Das Verwaltungskollektiv werde von Feindseligkeiten und Intrigen zerrüttet.