Von Walter Jens

Noch herrscht Stille. Die Matadore gedenken der Menschen draußen im Land, die sie besuchten oder, nach Art des Kanzlers, empfangen: Sat 1 ist immer dabei, wenn er sich räuspert und ergebene Fragen (oft) huldreich und (selten) ungnädig zu beantworten geruht. Im Kreis der Oberen werden Familienphotos geknipst, wobei den Protagonisten, das hat sich so eingebürgert, vor allem die Aufgabe zukommt, einen Arm auszustrecken und auf Ziele zu weisen, die beim besten Willen nicht auszumachen sind. (Man sollte einmal nachfragen: Pardon, Herr Minister, Herr Präsident, Frau Vorsitzende, worauf in Teufels Namen haben Sie gezeigt? Antwort: Weiß ich nicht. Aber so sehen’s doch alle.)

Es wird September, der Altweibersommer steht vor der Tür, Indian summer, die Temperaturen pendeln sich ein, und die Politiker geben sich moderat: Wohin die Damen und Herren auch kamen, überall, wird verkündet, seien ihnen Aufgeschlossenheit und Zustimmung begegnet, die Beliebtheitskurven wiesen nach oben, und die Auftragsbücher der Firmen deuteten auf schwarze Zahlen hin. Nur die Arbeitslosigkeit bereite, hier und da, Sorgen, doch würde das anders, so die Freidemokraten, sobald sich Leistung im Land wieder rechne. (Leistung der Oberen, rascher Steuerprogression Ausgesetzten, wie sich versteht. Nach der Leistung der Krankenpfleger, Pedelle und Putzfrauen wird nicht gefragt. Leistungsträger der Gesellschaft sind immer nur die Einkommensstarken, Verantwortungsträger, aller Art – Manager und keine Schrankenwärter oder Betreuerinnen von Moribunden.)

Sehr langsam, höchst behutsam, kommt Bewegung ins frühnachsommerliche Idyll, die Wahlplakate machen zarte Motorik erkennbar: das Verbum gehen wird zum bevorzugten Tätigkeitswort. Jetzt geht’s los, sagen die Sozialdemokraten, dem warmen Sommer folgt ein kühler Herbst im Zeichen der Devise Kohl muß weg, und die Freien Demokraten treiben’s noch toller. Diesmal geht’s um alles, heißt ihre Losung, die mit schöner Offenheit klarmacht, daß hier von Sog und Strudel Bedrohte ums Überleben kämpfen. „Heute geht es um alles, meine Liebe“, pflegt der vom Konkurs bedrohte Ehemann zu sagen, wenn er sich auf den Weg macht, um in letzter Stunde zu erreichen, daß der Herr Schwiegerpapa den Wechsel noch einmal prolongiert.

Apropos Wechsel. „Freu dich auf den Wechsel, Deutschland“ soll, so wurde mitgeteilt, der zentrale Wahlspruch der Sozialdemokraten lauten: Weiß der Kuckuck, wer darauf verfallen ist. Man hätte gut daran getan, das Wort ein bißchen abzuklopfen, bevor man es in Umlauf setzte. Geldwechsel, Wechselkurs, Wechselbalg – alles nicht sehr günstig konnotiert. Das Umfeld: viel fiskalisch. Warum, liebe Freunde, nicht Wende statt Wechsel? Wende – das ist es. Aufhebung eines ungeliebten Zustandes durch einen besseren, sachgemäßen, vernünftigen und sozialen. So präsentierten sich die Sozialdemokraten in guter 89er Tradition als Sachwalter der Umkehr zum Guten – weit entfernt von allen Wechselparteien.

Ja, und dann wäre da noch die bayerische Schwester, die kommt auch in Bewegung. Allerdings geht sie nicht selbst, sondern läßt einen anderen kommen: Karl Marx in rotgrünem Habit. „Ich komme wieder. Über Sachsen-Anhalt. Dank SPD und PDS.“ So etwas muß man dreimal lesen und jedes Wort auf der Zunge zergehen lassen. Entsetzlich, ihr katholischen Landfrauen, Trachtenträger und Fingerhakler vom Tegernsee: Der Gottseibeiuns kehrt zurück, und das ist nicht etwa Lenin oder, noch schlimmer, Stalin, sondern ein deutscher Philologe, Redakteur (kein schlechter, Bismarck hielt ihn für geeignet, Mitarbeiter des Preußischen Staatsanzeigers zu werden), Politiker und Gelehrter, dessen Heimat weniger die Straße als das Britische Museum war. Karl Marx kommt wieder: Wie muß es um Geistesverfassung und Seelenhaushalt von Parteistrategen bestellt sein, die allen Ernstes glauben, sie können durch diesen Satz irgendeinen Menschen, der bei Vernunft ist, erschrecken – ausgenommen Rechtsradikale und ein paar unbelehrbare Anhänger des real existierenden Sozialismus, made in DDR? Die freilich hätten Grund, sich vor Karl Marx zu fürchten, vor ihm und seinem Bannspruch, der Punkt für Punkt, und dabei nicht ohne Selbstkritik, die Entartung humaner Visionen zur alleinseligmachenden Lehre aufzeigen könnte.

In der Tat, noch, wird viel „gegangen“, fröhlich „gewechselt“ und (vermeintlich) bedrohlich „wiedergekommen“ zu Beginn des deutschen Altweibersommers vor der Wahl. Nur von der Wende ist wenig die Rede. Aber das kann sich ja noch ändern.