Joachim Schürmann aus Köln gehört zu den besten Architekten im Lande. Also kam es einer gerechten Auszeichnung gleich, als das neue Abgeordnetenhaus nur noch Schürmannbau genannt wurde – so achtungsvoll wie der Gropiusbau in Berlin und der Eiffelturm in Paris. Der Schürmannbau würde neben dem alten Bundestag mit dem neuen Plenarsaal (von Behnisch) und dem Langen Eugen (von Egon Eiermann), mit denen er ein anspruchsvolles Ensemble bilden soll, einer der wenigen bedeutenden Beiträge zur Baukunst sein, die sich die Demokratie als Bauherr in Bonn geschaffen hat – unter welch würdelosen Affären auch, die eine quertreiberische Ministerialverwaltung den Architekten zugemutet hat. Der Schürmannbau: ein schön gegliederter, ungewöhnlich freundlicher, Landschaft und Umgebung einbeziehender Komplex. Träfe der alte Traum zu, gute Architektur erziehe zu guten Menschen, könnten wir über unsere Abgeordneten bald jubeln.

Doch im vergangenen Dezember stieg der Rhein über die Ufer. Der Architekt, dem man die Bauleitung verweigert hatte, erkundigte sich besorgt, ob alles sicher sei. Ja, beschied man ihn. Zwei Tage vor Heiligabend drang das Hochwasser ein und beschädigte den zu achtzig Prozent fertigen Rohbau. Die Bauministerin erkannte darin einen Wink vom lieben Gott, die Koalitionsregierung war, wie es scheint, dankbar für die unerwartet hereingebrochene Chance, den seit der Wiedervereinigung als lästig empfundenen Bau loszuwerden. Schürmannbau wurde zum Synonym für eine liederlich herbeigeführte Bauaffäre. Schon ging das Gerücht vom Totalschaden um.

Wer aber, fragte der Architekt, würde denn sofort nach einem Unfall „lauthals darüber nachdenken, wie ein Unfallopfer, das sich die Finger oder sonstwas gebrochen hat, am besten zu entsorgen und zu beerdigen sei“? Frau Schwaetzer. Für sie war der Architekt ohnehin ein Dienstbote, der nur zu kommen hat, wenn man klingelt. Doch nicht einmal jetzt klingelte sie nach ihm, der doch den Bau wie keiner kennt, sondern bei einem Münchner Ingenieurbüro. Es lieferte die erwartete Empfehlung: abreißen, neu bauen. Das möchten ja auch die vier Investoren, über deren Auswahl der Bundesrechnungshof ein böses Urteil gesprochen hat. Beim Bonner Bauherrn jedenfalls herrscht kein Interesse an erstklassiger Architektur. Er will irgendein Haus für die Deutsche Welle, die hier seit 1991 als Mieter vorgesehen ist – nicht mehr.

Nichts dümmer als das! sagt Joachim Schürmann und präsentiert seine Gegenrechnung: Sanierungskosten 110 Millionen Mark (zahlt der Verursacher); Umplanung in ein Sendehaus (für die Deutsche Welle) nur 40 Millionen zusätzlich; da der Rohbau fast fertig ist, könnte parallel zur Sanierung des Hochwasserschadens sofort mit dem Ausbau begonnen werden. Dem Bund, sagen wir redlicher, uns Steuerzahlern bliebe der große Vermögenswert erhalten: 370 Millionen für das schon Gebaute, 165 Millionen für das Grundstück; beides wäre bei der Veräußerung an einen Investor so gut wie verloren.

Doch nach acht Monaten ist der Keller immer noch nicht leergepumpt, immer noch schleppt sich die Beweissicherung dahin, die Regierung fragt nur, was billiger werde, die Bauministerin will den Abriß – es sei denn, der Haushaltsausschuß besänne sich am 21. September eines Besseren und machte dem Abgesang auf die „Demokratie als Bauherr“ und die Baukultur ein Ende. Denn das ist wohl das Fazit: Wer sich in Bonn als politischer Bauherr so aus der Affäre zieht, dem ist auch in Berlin das Schlimmste zuzutrauen.

Ach, Berlin! Dort ist genau dies einem anderen außergewöhnlichen Bauwerk von symbolischer Kraft widerfahren, der ehemaligen Dienstvilla des ständigen Vertreters der Bundesrepublik in der DDR, einem gescheiten Entwurf des Architekten Christoph Mäckler. Unsere Regierung gefiel sich in vandalistischer Spekulation. Sie verkaufte den Bau, der Investor riß ihn ab und baut Stadtvillen. Helmut Kohl, heißt es schönfärberisch, sei der „Architekt der Wiedervereinigung“? Offensichtlich gelten Architekten unter Politikern nur etwas, wenn sie keine sind. Manfred Sack