Von Shere Hite

Seit zehn Jahren beschäftige ich mich mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern, mit der Frage: Warum verhalten Jungen und Mädchen sich unterschiedlich? Wie sehen sie ihre Familie? Was bedeutet Liebe für sie? Für den jüngsten Hite-Report – „Erotik und Sexualität in der Familie“ – habe ich mehr als 15 000 Menschen, jeweils etwa zur Hälfte aus den Vereinigten Staaten und aus Westeuropa, nach ihren Erfahrungen befragt.

Statistiken, wie wir sie heute in den Zeitungen finden, klären uns darüber auf, daß die Familie sich verändert oder gerade ihren „Zusammenbruch“ erlebt. Die Schuld an den Veränderungen wird üblicherweise den Frauen, den „Feministinnen“, zugeschoben. Tatsächlich ist es aber so, daß viele Männer heute Beziehungen vermeiden oder daß sie, wenn es doch einmal passiert ist, sich aus der Beziehung wieder zu befreien versuchen.

Beliebte Sprüche unter Männern zeugen von der Angst, „an der Kette“ einer Frau zu liegen, und davon, daß man „seine Freiheit“ braucht. Rockstars hüten ihr Image als unverheiratete, „freie“, abenteuerlustige Männer. Und warum schließlich neigen so viele Männer dazu, Frauen zu schlagen, sogar die, die sie lieben?

Männer haben als erste gegen die Familie und ihre eigene Stellung darin aufbegehrt. Seit dem „goldenen Zeitalter der Familie“, das heißt seit den fünfziger Jahren, haben Witze über „die Alte“ oder „den keifenden Drachen“ Konjunktur. Seit den sechziger Jahren gibt es kaum noch einen Film mit einem verheirateten Helden.

Der Beginn dieses Trends zeigte sich in dem Film „Mein großer Freund Shane“ von George Stevens aus den frühen fünfziger Jahren, in dem Alan Ladd als „einsamer“ Cowboy in eine kleine Stadt gerät und dort der Frau und dem Sohn eines passiven, als Schwächling dargestellten Familienvaters zu Hilfe kommt. Am Ende des Films, wenn Shane davonreitet, rufen sowohl die Mutter als auch ihr kleiner Sohn ihm wehmütig seinen Namen nach, während er, das neue männliche Sexobjekt des Films, in den Sonnenuntergang reitet.

Typische Filmhelden waren in der Folge der Superplayboy James Bond, die zwei Kumpel aus „Asphalt-Cowboy“ und später die Figuren von „Rambo“ und Arnold Schwarzenegger – lauter alleinstehende Männer, die mit Vergnügen Frauen „flachlegten“ und stolz waren, ihre „Unabhängigkeit“ bewahrt zu haben. Warum beschlossen die Männer nach dem Zweiten Weltkrieg mit solcher Vehemenz, daß es „männlicher“ sei, einer Verheiratung aus dem Weg zu gehen? Lag es an der „sexuellen Revolution“ und dem Umstand, daß außerehelicher Sex für die Männer nach der Erfindung der Antibabypille leichter zu haben war? Aber die Pille und die „sexuelle Revolution“ waren eher das Ergebnis des neuen Drangs der Männer, „frei zu sein“, als deren Grund.